"Das ist die Chance meines Lebens..."
19.01.2004: Junge Menschen mit dem Lebensmittelpunkt Straße auf der Suche nach ihrer Zukunft
(Text/Fotos: Jana Kellermann)
|
Silvia und Lutz |
"Aufstehen, zum Zoo fahren, essen, abkacken, schnorren, schlafen"
Silvia ist eine von 576 jungen Menschen mit dem Lebensmittelpunkt Straße, die den Kontaktladen in Krisen (klik) im letzten Jahr regelmäßig aufgesucht haben. Das klik ist für die Straßenkids warmes Essen, Beschäftigung in der Werkstatt, Beratung, Billard, Wäsche waschen, duschen, Musik machen - ein zu Hause für ein paar Stunden, dreimal in der Woche. Ihre restliche Zeit verbringen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf der Straße, in der Szene, meist an S- und U-Bahnhöfen in der Innenstadt: "Aufstehen, zum Zoo fahren, essen, abkacken, schnorren, schlafen", fasst Stephan (21) seinen - für Straßenkids typischen - Tagesablauf zusammen.
|
Sunshine |
"Die Bundesinitiative ist für uns ein Glücksfall"
Diesen Rhythmus am Rande der Gesellschaft versucht das klik-Projekt "No Future? Straßenkids bringen Farbe in Deine Firma und ihr Leben" zu durchbrechen. Es wurde in der 1. Ausschreibungsrunde des wir... hier und jetzt - Programms Lokales Handeln für Beschäftigung ausgewählt und mit 6.500 Euro gefördert. Ziel des Projektes ist es, dass fünf junge Menschen mit dem Lebensmittelpunkt Straße sich selbstständig einen Praktikumsplatz in Berlin suchen, um sich wenigstens für einen Monat lang in einem strukturierten Tagesablauf zurecht zu finden, sich in der Berufswelt zu orientieren und praktische Erfahrungen zu sammeln. Das Praktikum soll im Februar absolviert werden. "Dabei geben wir natürlich die größtmögliche Hilfestellung", erzählt Erika Alleweldt (30), die die Jugendlichen zusammen mit zwei weiteren Sozialpädagogen betreut. "Die Bundesinitiative ist für uns ein Glücksfall. Jetzt haben wir die Kapazitäten, um die Straßenkids wirklich umfassend zu unterstützen."
Wohin mit den Hunden?
In Einzelgesprächen ging es in den letzten Wochen erst einmal darum, die Interessen und Bedürfnisse der jungen Menschen herauszufinden und zu fragen, ob und wie diese Wünsche sich mit dem Leben auf der Straße vereinbaren lassen. "Das fängt ja schon damit an, den Jugendlichen klar zu machen, dass sie mit gepflegter Kleidung an ihrem Praktikumsplatz erscheinen sollten. Ein großes Problem ist außerdem die Unterbringung der Hunde für die Zeit des Praktikums", bemerkt Alleweldt. Unterstützt werden die fünf Straßenkids daneben bei der Erstellung ihrer Bewerbungsunterlagen bis hin zur Ausarbeitung von Sprechzetteln, damit sie wissen, was sie überhaupt sagen sollen am Telefon oder im persönlichen Gespräch mit den Firmen, bei denen sie sich bewerben. Das Jugendberatungshaus compass.mitte und das Projekt Leben Lernen - Lernen Leben stehen den Jugendlichen als Kooperationspartner des klik hier mit Rat und Tat zur Seite.
Klare Regeln im klik
"Ich mach auch mit bei dem Projekt, aber ich sag nicht, wer ich bin. Kann ich ´ne Zigarette haben?" Ein junger Mann platzt in das Gespräch, zwei Hunde kommen mit ihm herein und toben um uns herum, in der Werkstatt im Raum nebenan dröhnt die Sägemaschine und im Keller probt die Punk-Band. "Ey, ich bin jetzt dran", drängelt Sunshine (21), "für mich ist das Praktikum eine riesen Chance, weil ich im März eine Ausbildung anfange und vorher schon mal Kontakte knüpfen kann. Die Kontakte sind das wichtigste. Kann ich jetzt gehen?" Sunshine verabschiedet sich, dafür kommt noch ein junger Mann mit einer E-Gitarre in die Runde. Er riecht nach Alkohol und wirkt ein wenig orientierungslos. "Is´ mein Welpe hier?" Er sieht sich um. Erika Alleweldt lächelt und sagt ruhig: "Wir sind hier im Gespräch." Sie lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen und erzählt: "Wir haben hier ganz klare Regeln im klik: kein Alkohol, keine Drogen, keine Waffen, keine Gewalt - aber erst einmal können die Jugendlichen zu uns kommen, in welchem Zustand auch immer, dann sehen wir weiter."
Anonymität und Freiwilligkeit
Das klik ist ein so genanntes niedrigschwelliges Angebot. Die Jugendlichen können anonym bleiben, alles beruht auf Freiwilligkeit. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des klik verfolgen eine akzeptierende Grundhaltung gegenüber den selbstgewählten Lebensstilen der Jugendlichen. Im Projekt "No Future? Straßenkids bringen Farbe in Deine Firma und ihr Leben" stehen die drei Sozialpädagogen den Jugendlichen in erster Linie bei der Selbstdisziplinierung zur Seite. Erika Alleweldt hofft, dass das Praktikums-Projekt ein langfristiges Interesse nach ‚mehr’ bei den Straßenkids weckt, das über die aktuelle Begeisterung hinausreicht.
|
Stephan |
...ohne Abi darf ich höchstens Kabel tragen"
"Ich will im Baumarkt arbeiten", erzählt Stephan, der sich bei der METRO um ein Praktikum beworben hat. "Nich` hinten im Lager, vorne, den Leuten Auskunft geben und Sachen in die Regale räumen. Danach will ich eine Ausbildung machen, vielleicht nehmen die mich ja." Stephan ist fest davon überzeugt, dass er es durchhalten wird, jeden Morgen aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Trotzdem waren und sind seine Chancen - wie die der meisten Straßenkids - auf dem Arbeitsmarkt eher schlecht, unter anderem, weil die Schulbildung oftmals nicht ausreicht. "Ich müsste auch erst mal mein Abi nachmachen", denkt Lutz (21) über seine Zukunft nach. Lutz hat die Schule in der 13. Klasse abgebrochen. Er will zum Film, und zwar hinter die Kamera. "Aber ohne Abi darf ich höchstens Kabel tragen." Trotz ihrer bisherigen Lebensentwürfe sind die Pläne der Straßenkids erstaunlich konkret. Aber Erika Alleweldt zuckt mit den Schultern. "Ich weiß nicht, was dabei herauskommt. Wir können nur versuchen, die Hoffnungen und Vorstellungen der Straßenkids aufzugreifen und sie zu motivieren, nicht wieder in ihren Trott zurück zu verfallen."
Wir können nur hoffen...
Es ist kurz vor acht, das klik schließt gleich. Erika Alleweldt zeigt noch schnell die Räume des Kontaktladens: Werkstatt, Sitzecke, Küche. Im Keller stehen Waschmaschinen und Trockner, es gibt eine Kleiderkammer und ein Fotolabor. Aus dem Probenraum dröhnt Musik. An den Drums sitzt Silvia. "Is schon so weit?", fragt sie. "Ein paar Minuten noch, bitte!" Und dann lacht sie wieder und gibt mit den Sticks den Takt vor.
Der Kontaktladen in Krisen freut sich über jede Unterstützung zur Aufrechterhaltung seines Betreuungs-Angebotes für junge Menschen mit dem Lebensmittelpunkt Straße
Spenden:
Bank für Sozialwirtschaft
Empfänger: Jugendbüro e.V.
Konto-Nr.: 3337900
BLZ: 10020500
Klik - Kontaktladen in Krisen Kleine Hamburger Straße 2
(Ecke Torstraße, Nähe Rosenthaler Platz)
10115 Berlin
Träger:
Jugendbüro e.V.
ISIS Berlin e.V. (Institut für Sozialforschung, Informatik und Soziale Arbeit)
c/o Katholische Fachhochschule Berlin
Köpenicker Allee 39-52
10381 Berlin





