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Fachkonferenz bestätigt Handlungsansätze von "wir ... hier und jetzt"

12.07.2004: Abwanderungstendenzen in den neuen Ländern werden allein durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen nicht aufgehalten

(Text/Fotos: Jana Kellermann)

  

Zur zweitägigen Fachkonferenz im Programmbereich "Perspektive" versammelten sich Mitte Juni ca. 50 Vertreterinnen und Vertreter der geförderten Verantwortungsgemeinschaften. Die Tagung verknüpfte das Bedürfnis der Träger nach Ideen- und Erfahrungsaustausch mit Fortbildungsangeboten und einer Diskussion des Handlungsansatzes von wir ... hier und jetzt im Rahmen eines Podiumsgespräches mit geladenen Gästen aus Politik und Wissenschaft. Dabei bestätigte sich die grundlegende Idee der Bundesinitiative wir ... hier und jetzt: Die Abwanderung junger Menschen aus den neuen Ländern kann nicht allein durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen aufgehalten werden. Weiterhin wurde deutlich, dass die verkürzte Laufzeit viele gute Ansätze in ihren Möglichkeiten beschränkt, nachhaltige Wirkung zu entfalten.

  

Verlust des aktiven Gemeindelebens droht
Zahlreiche Studien zur Bevölkerungsentwicklung in Ostdeutschland haben gezeigt, dass die neuen Länder einem demographischen Trend unterliegen, der fatale Folgen für die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Infrastruktur und damit für die Lebensqualität insgesamt nach sich zieht. Nicht nur ländliche Regionen, sondern auch die Städte im Osten veröden zusehends aufgrund der Abwanderung vor allem junger Menschen bei gleichzeitigem Geburtenrückgang und der Überalterung der noch ansässigen Bevölkerung. Die zwangsläufige Reduktion sozialer und kultureller Angebote mindert wiederum die Attraktivität der ostdeutschen Regionen, die durch die hohe Arbeitslosigkeit mit steigenden Sozialausgaben belastet werden und ihre Ausgaben z.B. im Jugendbereich weiter kürzen müssen.

  

"Wüstenblume" trifft "Breites Kreuz"
"Wenn wir diesem Negativtrend nicht hinterherlaufen wollen, müssen wir umdenken", erklärte Heidemarie Rubart, Programmkoordinatorin der Bundesinitiative. "Der Handlungsansatz von wir ... hier und jetzt zielt deshalb auf die Stärkung der weichen Faktoren, die jungen Menschen einen Anreiz zum Bleiben in ihrer Region geben können."
Im Programmbereich "Perspektive" werden solche Anreize in so genannten Verantwortungsgemeinschaften entwickelt. "Wir führen alle Akteure einer Gemeinde zusammen, auch diejenigen, die sich bisher nicht oder kaum im Jugendbereich engagiert haben und initiieren so einen Vernetzungsprozess, der die vorhandenen Kräfte sinnvoll bündelt und dabei neue Möglichkeiten aufzeigt", fasste Uwe Bobsin, Programmberater des Ideenwettbewerbs "Perspektive", zusammen.

  

Für diesen Prozess benötige man schon ein breites Kreuz, meinte der Programmberater, gerade wenn man sich als Träger momentan eher als "Wüstenblume in Brandenburg" empfinde, wie die Regionale Partnerin der Bundesinitiative Sandra Brenner ihren Kolleginnen und Kollegen in der Vorstellungsrunde der Fachkonferenz erklärte. Die Symbole, die sich die Träger zur Einstimmung auf das gemeinsame Arbeiten gaben, spiegelten aber vor allem den Grundgedanken und das Selbstverständnis der geförderten Projekte wider: Als "Flechtwerke", "Puzzles", "Dächer" und "Netze" tauschten sie ihre Erfahrungen mit ihren Handlungskonzepten aus.

Fachkonferenz bestätigt Handlungsansätze von "wir ... hier und jetzt"   

"Wer eingebunden ist, bleibt auch in der Gemeinde"
Diesen Konzepten und Handlungsansätzen als Gegenmaßnahmen im Kontext der Abwanderung widmete sich auch das Podiumsgespräch, das unter dem Motto "Perspektiven eröffnen - Verantwortung fördern und fordern" den ersten Abend der Fachkonferenz beschloss. Als Gesprächsgäste waren Prof. Dr. Christiane Dienel, Prodekanin an der Hochschule Magdeburg-Stendal, Peter Hettlich, Mitglied des Bundestages für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und ostpolitischer Sprecher der Fraktion, Dr. Peter Fricke, Leiter der Abteilung Kinder und Jugend im BMFSFJ, Barbara Klembt, Bürgermeisterin der Gemeinde Wiesenburg/Mark und Uwe Bobsin geladen. Heidemarie Rubart moderierte die Diskussion.
Gleich zu Beginn des Podiumsgesprächs wurde deutlich, "dass die Gründe für die Abwanderung nicht nur im Arbeitsmarkt begründet liegen. Vielmehr müssen die regionalen Haltefaktoren gestärkt werden: die Bindungen an die Familie, Identifikation mit der Region und die Heimatliebe spielen hier eine wichtige Rolle", erklärte Prof. Dr. Christiane Dienel. Erste Ergebnisse der Studie "Menschen für Sachsen-Anhalt", die an der Hochschule Magdeburg-Stendal noch bis Ende des Jahres durchgeführt wird, zeigten, so Dienel, dass nachbarschaftliche Kontakte und die Einbindung in zivilgesellschaftliche Strukturen oftmals stärke Bindekräfte ausübten, als die arbeitsmarktpolitische Situation. "Wer in seiner Gemeinde Verantwortung trägt, zum Beispiel im Verein oder in der Gewerkschaft, der bleibt auch dort. Wer dagegen kaum engagiert ist, neigt eher dazu, in den Westen abzuwandern - trotz Arbeitsplatz."

  
 

Barbara Klembt

Kritische Hinterfragung des Mobilitätsbegriffs
Die wissenschaftlichen Ergebnisse sah auch Barbara Klembt in ihrer praktischen Erfahrung bestätigt. "Viele Menschen engagieren sich und entwickeln Gemeinschaftsräume oder Kindertagesstätten zu kleinen soziokulturellen Zentren. Trotzdem ist der Druck, der auf die jungen Leute einwirkt, enorm. In der heutigen Zeit gilt Mobilität als Qualität, ‚dableiben’ ist dagegen negativ besetzt. Hier muss ein Umdenken einsetzen." Es sollten alle gemeinsam langfristig am Aufbau neuer Strukturen arbeiten, "oder wir schaffen überhaupt nichts", so Klembt.

"Kontinuität, keinen harten Abbruch"
Die Entwicklung solcher Strukturen, die mit dem Programm wir ... hier und jetzt angeregt wurde, sieht Peter Hettlich, der als ostpolitischer Sprecher seiner Fraktion im Ausschuss für Verkehr, Bau und Wohnungswesen sitzt, jedoch gefährdet. "Man muss natürlich immer zwischen der Finanzierung von harten und weichen Faktoren abwägen. Gerade wenn man im Verkehrsausschuss sitzt, gelten die harten Faktoren leider immer als das
  

Peter Hettlich

 
Heilbringende. Da gibt es dann erbitterte Diskussionen besonders um Autobahnen. Ich erinnere mich noch an die Debatte z.B. um den Ausbau der A16, der 270 Millionen Euro kostete, während die Weiterführung dieses Programms vielleicht an 2 Mio. scheitert."
Da sich der Start von wir ... hier und jetzt um einige Monate verzögerte, setzt sich Hettlich seit dem Frühjahr für eine Zwischenfinanzierung durch den Bund ein, die im Jahr 2005 greifen würde. "Gedacht war eine Weiterführung des Programms durch die Stiftungen bzw. die Bundesländer. Dazu bedarf es aber einer Evaluierung, die jedoch erst Ende des Jahres - wenn tatsächlich erste Ergebnisse vorliegen - vorgenommen werden kann. Dann sind die Haushalte der Länder für 2005 längst gemacht, übrigens auch der Bundeshaushalt."
Gerade für ein Programm wie wir ... hier und jetzt, das überall sehr positiv gesehen werde, müsse es deshalb Möglichkeiten geben, die keinen "harten Abbruch" am Ende des Jahres bedeuten. Schließlich hätte man sonst lediglich ein "Strohfeuer" entfacht.

Zwischen Anschub und Nachhaltigkeit
Dass eine Kontinuität in der Arbeit sinnvoll wäre, bestätigte auch Dr. Peter Fricke. "Es muss zumindest gewährleistet werden, dass andere Projekte die Ideen von wir ... hier und jetzt aufgreifen." Der Bund werde sich hier allerdings nicht langfristig engagieren. Die Laufzeit der Bundesinitiative sei von Anfang an klar begrenzt gewesen, auch wenn es Verzögerungen im Jahr 2003 gab. Dr. Fricke räumte jedoch ein, dass man mit einer Zwischenfinanzierung Lösungen für die Phase finden müsse, in der für das Programm aufgrund der Haushaltsproblematik keine Möglichkeit bestünde, in die Länder überführt zu werden.
Natürlich könne der Bund nicht die Aufgabe haben, "Jahrhundertprojekte"
  
 

Dr. Peter Fricke

zu entwickeln und diese "von oben" auf lange Sicht zu fördern, versicherte auch Uwe Bobsin. Ziel sei es jedoch gewesen, mit wir ... hier und jetzt nicht nur Zeichen zu setzen, sondern Lösungsansätze zu entwickeln. "Aber in diesem eng bemessenen Zeitraum liegt die Gefahr, dass es beim ‚Zeichen setzen’ bleibt und dass es uns nicht gelingt, die Chancen, die sich jetzt abzeichnen, auch in praktikable Handlungsansätze umzusetzen", so Uwe Bobsin. "Das Gewinnen und die Pflege von neuen Partnerschaften braucht Zeit".

Mehr Zeit für die Träger
Das Potenzial vor Ort, Perspektiven für Jugendliche zu entwickeln, sei zwar vorhanden. Die relativ großzügigen Förderungen der letzten Jahre durch Bund, Länder und Gemeinden gäbe es jedoch nicht mehr. Die Träger müssten sich nun auf punktuelle und Anschubförderungen einstellen und damit auch ihre eigene Existenz völlig neu strukturieren. Hier wiederum spiele der Faktor Zeit eine große Rolle. "Es muss uns gelingen, über den Ideenwettbewerb ein Multiplikationspotenzial in den
  

Träger im Gespräch

 
Ländern zu entwickeln. Die besonders innovativen Träger sollen ihre Ideen weitergeben. Die Frage, die sich jetzt stellt, lautet: Wie und in welchem Rahmen kann das Begonnene gefestigt werden?"
"Wenn man Inhalte und Ideen haben will, kommt man um Betreuung und Moderation nicht herum", bestätigte Barbara Klembt, "gerade in Gemeinden, in denen die Arbeit der Träger ehrenamtlich geschieht. Diese Prozesse kosten Kräfte, die über das Ehrenamt allein nicht abgedeckt werden können."

Stabilität in der Region geht von den Starken aus, nicht von den Schwachen
Prof. Dr. Christiane Dienel erwähnte an dieser Stelle, dass das Wesen des Ehrenamtes gerade darin bestünde, ohne Geld auszukommen und stellte die provokante These auf, dass man mit Geld ehrenamtliche Strukturen auch zerstören könne. Man müsse sich generell fragen, ob regionale Entwicklungen wie das Leerziehen strukturschwacher Räume nicht unvermeidliche Prozesse seien, die mit keinem Förderprogramm aufzuhalten seien. "Wenn man überhaupt eingreifen will, dann ist es vielleicht wirksamer, die Starken zu fördern, nicht die Schwachen. Konkret heißt das: ABM-Maßnahmen bringen zur Belebung der Einwohnerstruktur gar nichts. Es sind nicht die Menschen in solchen
   Präsentationswand der Gemeinde Wiesenburg
 

Präsentationswand der Gemeinde Wiesenburg

Maßnahmen, die abwandern. Wenn man es dagegen schafft, durch Anreize zur Familiengründung eine Familie im Ort zu haben, deren Eltern sich bürgerschaftlich engagieren und deren Kinder später Schülersprecher werden, hat die Gemeinde viel mehr gewonnen. Das Engagement, das von so einer Familie ausgeht, hält vier weitere Familien im Ort."

Verantwortung für die Politik bleibt bestehen
"Wo nichts ist, kann auch nichts entstehen, unabhängig davon, wie viel man in die Wirtschaftsförderung investiert", bekräftigte auch Peter Hettlich. Die Debatte darüber, ob man Strukturen künstlich aufrecht erhalten oder lieber "auf eine lebensfähige Größe" schrumpfen lassen dürfe, sei aber selten da. Und letztlich entbinde eine solche Debatte die Politik nicht von ihrer Verantwortung für die Kommunen. Wo der Bund helfen kann, da müsse er es auch tun.
Die Diskussion, die sich anschließend zwischen Publikum und Podium entwickelte, bestätigte die Bereitschaft der Träger, Verantwortung für die Nachhaltigkeit der angestoßenen Projekte zu übernehmen. Birgit Grämke (Landesjugendring M-V) wies in diesem Zusammenhang jedoch noch einmal auf die Problematik der Doppelhaushalte hin. "Perspektive ist ein erster Schritt, neue Strukturen zu entwickeln und neue Finanzierungsquellen aufzutun. Die Träger machen aber auch die Erfahrung, dass das nicht so einfach ist. Wenn man Nachhaltigkeit will, sollte man diese Schwierigkeiten hinsichtlich der Finanzierung für 2005 berücksichtigen."

Das Podiumsgespräch zeigte, dass das Programm wir ... hier und jetzt auf einem guten Weg ist, regionalpolitische Handlungsräume im zivilgesellschaftlichen Bereich zu eröffnen, die durchaus geeignet sind, Bindekräfte für junge Menschen zu entwickeln. Offen blieb, inwieweit diese ersten Schritte tatsächlich einen Weg aufzeigen können, der auch von Kommunen und Projekten begangen werden kann, die nicht im Rahmen der Bundesinitiative gefördert wurden. "Es ist klar, dass der Bund für wir ... hier und jetzt nur eine Anschubfinanzierung geben kann. Fraglich ist aber, ob man mit einem VW oder mit einem Truck anschiebt...", fasste Heidemarie Rubart den Abend zusammen. Es bleibt nun vor allem zu hoffen, dass Lösungsmöglichkeiten für das Jahr 2005 gefunden werden.

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