"... mehr als die historische Aufarbeitung von Zahlen und Dokumenten"
08.10.2004: Ein Zeitenspringer-Team aus Wanzleben (Sachsen-Anhalt) erforschte die Geschichte des kleinen Ortes Blumenberg, der in den 30er Jahren für viele Menschen - zwangsläufig - zur neuen Heimat wurde.
(Text/Fotos: Jana Kellermann)
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Umsiedlung |
Für manche Menschen ist es aufregend und spannend, einen Neuanfang in ihrem Leben zu wagen und aus dem Ort, in dem sie aufgewachsen sind, wegzugehen. Vielleicht erwarten sie neue Erfahrungen und versprechen sich bessere persönliche oder berufliche Chancen. Aber welche Gedanken und Gefühle bewegen diejenigen Menschen, die nicht aus freien Stücken in die Fremde ziehen, sondern gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen? Mitte der 30er Jahre wurden ganze Dörfer in der Pfalz, der Letzlinger Heide und Ostwestfalen-Lippe geräumt und zu militärischem Sperrgebiet, Truppen- und Schießübungsplätzen der Wehrmacht ausgebaut. Für 40 Familien dieser Dörfer wurde die kleine Gemeinde Blumenberg in der Magdeburger Börde zur neuen Heimat.
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Zeitzeugen aus Blumenberg |
Ein Ort ist mehr als nur ein Ort
Siebzig Jahre später widmet sich eine Ausstellung den Menschen, die als Kinder nach Blumenberg kamen. Schülerinnen und Schüler des Börde-Gymnasiums Wanzleben haben im Rahmen des Jugendprogramms Zeitensprünge in den letzten Monaten im Bundesarchiv Deutsches Reich recheriert, um die Geschichte der Gemeinde aufzuarbeiten. Vor allem aber haben sie mit den Seniorinnen und Senioren aus Blumenberg gesprochen, den Zeitzeugen der Zwangsumsiedlung. Eine ganze besondere Erfahrung - für beide Seiten. "Es begegneten sich unterschiedliche Generationen, von denen jede die Erfahrung machte, dass sich die jeweils andere für sie interessiert", erklärt die Projektleiterin Angelika Wolters. Auch die Arbeit im Archiv sei "weitaus mehr als eine historische Aufarbeitung von Fakten, Zahlen und Dokumenten" gewesen. Die dreizehn Jugendlichen haben sich mit dem Begriff, der Vorstellung und der Bedeutung von "Heimat" auseinandergesetzt. Da ist ein Ort dann "plötzlich mehr als nur ein Ort, weil in ihm Menschen und deren Schicksale verwurzelt sind, aus denen wir lernen können", so die Projektleiterin.
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Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz |
"Geschichte ist nicht immer rosarot"
Die Auseinandersetzung mit dem Stichwort "Heimat" begrüßt auch der Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz. "Gerade wenn es um Abwanderung geht, spielt die Verbundenheit mit der Region eine große Rolle. Und Verbundenheit braucht Auseinandersetzung, auch wenn Geschichte nicht immer rosarot ist", erklärte Olbertz zu Beginn der Ausstellungseröffnung Diktatur des Wahns - von unfassbaren Zielen zur liebenswerten Heimat. Der Kultusminister, der auch die Patenschaft für die Zeitenspringer übernommen hat, hält die historische Forschungsarbeit sowohl innerhalb als auch außerhalb des Schulunterrichts für äußerst wichtig. "Wir machen das ja, um Antworten für die Gegenwart zu bekommen. Es kommt zwar nicht immer die Wahrheit heraus, aber man nähert sich ihr an", so Olbertz.
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Zeitenspringer des Börde-Gymnasiums Wanzleben |
Neue Heimat in der Fremde
Die Annäherung an die Wahrheit - das waren vor allem Gespräche mit zehn Zeitzeugen, die zwischen 1936 und 1938 nach Blumenberg kamen. Die heutigen Seniorinnen und Senioren waren damals Kinder, die meisten von ihnen nicht älter als zehn Jahre. Trotzdem erinnern sie sich an diese Zeit, als wäre es gestern. "Ich kann mich noch genau besinnen", gibt beispielsweise Werner Biere (geb. 1932 in Haustenbeck) zu Protokoll*. "Die Umsiedlung nach Blumenberg hatte für mich eine große Bedeutung." Die Familie, das Mobiliar, die landwirtschaftlichen Geräte und das Vieh mussten schließlich transportiert werden. Verwaltet wurden die Zuzüge nach Blumenberg und in andere Gemeinden von der Reichsumsiedlungsgesellschaft mbH. Welche Familie in welche Gebiete zog, hing vom Wert des Gehöfts ab. Finanzkräftigere Bauern konnten ihre Wahl entsprechend von der Qualität des Bodens abhängig machen. "Meine Eltern haben sich für Blumenberg entschieden, weil der Bördeboden sehr ertragreich ist für eine Bauernwirtschaft. Und die hatten wir ja", bestätigt Ilse Schöndube (geb. 1929 in Salchau).
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Bilder der Ausstellung |
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Luftaufnahme von Blumenberg |
Blumenberg - ein "Hakenkreuzdorf"?
Insgesamt 40 Familien teilten dieses Los. Sie zogen ab 1936, als die ersten Siedlungshäuser fertig gestellt waren, nach Blumenberg. Mit der Vergrößerung des Ortes Mitte der 30er Jahre kam auch ein Gerücht auf: Die Nationalsozialisten hätten geplant, die Haupt- und neu entstandenen Straßen bewusst in Form eines Hakenkreuzes anzugelegen und Blumenberg damit für eine besondere Form der Propaganda zu nutzen. Diese Behauptung existiert bis heute - und wurde so auch Forschungs-Gegenstand der Zeitenspringer. Akten, Luftaufnahmen und Zeitzeugenaussagen wurden in dieser Frage ausgewertet. Fest steht letztlich nur, dass das Kreuz nicht vollendet wurde - ob es je eines werden sollte, bleibt unklar. Scheu oder Scham vor einer Auskunft in der "Hakenkreuz"-Frage haben die Zeitzeugen jedenfalls nicht gezeigt. Selbst wenn ihre Erinnerungen und Vermutungen voneinander abweichen, sind sie doch selbstbewusst genug, um realistisch mit ihrer Regionalgeschichte umzugehen und solche Fragen auch zu beantworten. Genau so etwas wünscht sich Kultusminister Olbertz zukünftig verstärkt: "Ich bin stolz auf dieses Projekt, und ich möchte, dass diese Ausstellung ihren Zweck erfüllt, nämlich dass wir mehr über Geschichte reden."
- Zitate der Zeitzeugen sind der Dokumentation des Zeitenspringer-Teams "Von unfassbaren Zielen zur liebenswerten Heimat" entnommen.






