"Wenn wir es verstehen wollen, müssen wir uns Geschichten erzählen..."
01.11.2004: Rostocker Jugendliche portraitieren Akteure der "Wende"
(Text, Fotos: Jana Kellermann)
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Rostocker Rathaus |
Die Rostocker Opposition vor und während des "Wendeherbstes" 1989 bestand im Wesentlichen aus drei Gruppen: Sie arbeitete unter dem Dach der evangelischen Kirche, in verschiedenen Umweltvereinigungen und im künstlerischen Bereich. Die "Gruppe Umwelt" war es beispielsweise, die Ende September 1989 beim Pastor der Rostocker Petrikirche einen Antrag auf Fürbitt-Andachten stellte. Der Gottesdienst sollte die Solidarität der Rostockerinnen und Rostocker mit den in Leipzig verhafteten Oppositionellen zum Ausdruck bringen. Mit den Andachten Anfang Oktober 1989 und den ersten Demonstrationen Mitte des Monats wurden ähnlich wie in Leipzig, Dresden oder Berlin erstmals politische Forderungen der Opposition öffentlich. Vor allem der Wunsch nach Freiheit und Demokratie manifestierte sich in jenen Tagen im Symbol des Schmetterlings, der die Rostocker Demonstrationszüge fortan begleitete.
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Projektteilnehmerinnen |
Persönliche Auseinandersetzung
"Ich habe mich erschrocken, wie wenig ich über diese Zeit eigentlich weiß", gibt Inga (18) zu. "In der Schule ist das nur ganz kurz Thema, und speziell über Rostock erfährt man gar nichts." Fünfzehn Jahre nach der Wende scheinen die Ereignisse, die zum Ende der DDR führten, zumindest im Geschichtsunterricht nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Deshalb hat sich Inga gemeinsam mit elf weiteren Schülerinnen und Schülern vor gut einem halben Jahr dem Zeitensprünge-Projekt "Wendungen - Rostock in der Zwischenzeit" angeschlossen. Die Gruppe interviewte sechs Akteure der Rostocker Wendezeit und fertigte aus den Aufzeichnungen Portraits an, die deren Wünsche und Hoffnungen von 1989 aufleben lassen. "Die Auseinandersetzung mit dem Thema war überhaupt nicht leicht", beurteilt Inga die Projektarbeit im Nachhinein. "Das ist alles sehr persönlich gewesen..."
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Zeitenspringer im Frühjahr |
Geschichte erlebbar machen
"Genau diese persönliche Auseinandersetzung ist es, um die es geht. Wir wollten Geschichte erlebbar machen, indem wir Menschen Geschichten erzählen lassen, die Geschichte erlebt haben", beschreibt Projektleiterin Regine Rachow die Arbeit der "Zeitenspringer". Gemeinsam mit den Jugendlichen hat sie interessierte Gäste in das Rostocker institut für neue medien - Träger des Projektes - eingeladen, um die bisherigen Ergebnisse vorzustellen. Angereist ist auch der Schauspieler Frank Giering. "Ich finde euer Projekt sehr gut und vor allem für andere Jugendliche nachahmenswert. Es hat mich auf jeden Fall angeregt, mich zu erinnern und mit meinen Freunden darüber zu sprechen", sagt er. Das Lob freut die Gruppe, aber auch den ebenfalls anwesenden Zeitzeugen Christoph Kleemann: "Ziel war es ja auch, einen Beitrag zum Dialog zu leisten - nicht bis ins Detail zu dokumentieren, wie es wirklich war". Kleemann, einer der Interviewpartner, war 1990 Übergangs-Bürgermeister der Hansestadt.
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Zeitenspringer bei der Präsentation mit Frank Giering (vorn) und Christoph Kleemann (hinten rechts) |
Vorbereitung auf die Gespräche
Als Zeitzeugen und Gesprächspartner konnten weiterhin Johann-Georg Jaeger und Henry Lohse gewonnen werden. Jaeger war 1989 Mitglied der "Gruppe Umwelt", die den Antrag auf Fürbittandachten stellte; Lohse ist der Pfarrer gewesen, der sie genehmigte. Schließlich wurden die Frauenrechtlerin Maria Pulkenat sowie Dietlind Glüer, Mitbegründerin des Neuen Forums und der Bildhauer Axel Peters zu ihren Motivationen und Hoffnungen von 1989 befragt.
Die freie Journalistin Regine Rachow bereitete die Jugendlichen seit April thematisch und handwerklich auf die Gespräche mit den Rostocker Zeitzeugen vor. Die Vorbereitungen umfassten zunächst die Lektüre der Dokumentationen Ihr sollt wissen, dass der Norden nicht schläft und Tage, die Bürger bewegten. Denkanstöße gab auch das Buch Stasiland der australischen Schriftstellerin Anna Funder.
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Frank Giering im Gespräch mit den Zeitenspringern |
Gemeinsam mit Johann-Georg Jaeger besichtigte die Gruppe Ende April markante Orte der oppositionellen Umwelt- und Friedensbewegung in Rostock, unter anderem die Michaeliskirche und das Gebäude der ehemaligen Staatssicherheit. Daraufhin erlernten die Schülerinnen und Schüler in mehreren Workshops Grundlagen der Gesprächstechnik und übten das Verfassen von journalistischen Portraits. Anfang Juni schließlich trafen sich die Jugendlichen jeweils zu zweit mit ihren Interviewpartnern und forschten nach: Welche Ereignisse führten die Akteure in den Widerstand? Wie sahen die Hoffnungen aus, die sie im Herbst 1989 hatten? Und was ist davon heute übrig geblieben?
Die Beziehung hat gefehlt
"Ich war schon sehr aufgeregt", berichtet Luisa (18) von ihrem Interview mit Dietlind Glüer. "Aber es war eine sehr offene Gesprächsatmosphäre." Ganz andere Erfahrungen hat dagegen Inga gemacht: "Wir haben mit Maria Pulkenat gesprochen. Leider lief es bei uns nicht so gut. Wir sind nicht so richtig ins Gespräch gekommen." Aber auch wenn es zum Teil nicht so gut lief, war die Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Heimatstadt für die Jugendlichen eine wichtige Erfahrung: "Wende, Runder Tisch, Stasi - gehört hatten wir das alles schon. Aber die Beziehung zu diesen Dingen fehlte, und das hat die Arbeit im Projekte für uns gebracht", resümiert Christoph (19). "Die Arbeit hat uns zum Nachdenken angeregt und Diskussionen in der Familie angestoßen."
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Die Projektgruppe im Gespräch |
Geschichten erzählen, um es zu verstehen
Die Projekt-Ergebnisse - sechs mehrseitige Portraits der Rostocker Wende-Akteure - befinden sich zur Zeit noch in der Abstimmung mit den Zeitzeugen. "Vielleicht können wir sie veröffentlichen, aber die Finanzierung ist noch ungeklärt", bedauert Regine Rachow.
Frank Giering schlägt vor, mit den Texten an die Schulen zu gehen. "Hier gibt es offensichtlich Bedarf und die Arbeiten der Gruppe sollten auch anderen zur Verfügung stehen." Aber Regine Rachow winkt ab: "Die Schulen sind damit überfordert und die Lehrpläne voll," meint sie. Christoph Kleemann ermutigt die Projektleiterin jedoch. Er glaubt, dass es möglich ist, solche Projekte in den Unterricht zu integrieren - "Rahmenplan hin oder her". Problematisch sei der Umgang mit der Vergangenheit. "Die Lehrer müssen schließlich damit rechnen, dass sie gefragt werden: 'Und auf welcher Seite haben Sie gestanden?' Das ist etwas, was viele quält." Es müsse doch aber möglich sein, sich fünfzehn Jahre nach der Wende gegenseitig Geschichten zu erzählen. "Wir sollten jedenfalls nicht aufhören, Fragen zu stellen. Sonst verstehen wir es nie..."






