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Ideen von "wir ... hier und jetzt" ziehen Kreise

06.11.2004: Abwechslungsreiche Projektpräsentation in Sachsen-Anhalt

(Text/Fotos: Jana Kellermann)

Ideen von "wir ... hier und jetzt" ziehen Kreise   

Eine kleine, flache Scheibe wirbelt durch die Luft, so als hätte sie gerade jemand schwungvoll hinauf geworfen. Sie dreht sich ein paar Mal um die eigene Achse, gerät ein wenig ins Trudeln und fällt schließlich, immer schneller, bis sie in die spiegelglatte Oberfläche eines Gewässers eintaucht. Die Scheibe erinnert an ein goldgelbes Geldstück, vielleicht ist es ein Glückscent, wir ... hier und jetzt steht darauf geschrieben. Und genau wie das Programm verschwindet auch die kleine Scheibe am Ende nicht einfach, sondern sie hinterlässt Spuren: wir ... hier und jetzt zieht Kreise, die sich konzentrisch ausbreiten und sich weit über die eben noch unberührte Fläche verteilen.

   Ideen von "wir ... hier und jetzt" ziehen Kreise

Jugend als Potenzial
Der Eröffnungsfilm "Kreise ziehen" zur Ergebnispräsentation der Bundesinitiative in Sachsen-Anhalt kam schwungvoll und lebendig daher. Obwohl die Projektlaufzeit mit der Präsentation am gestrigen Donnerstag endete, kam den ganzen Tag über keine wehmütige Stimmung auf, im Gegenteil: Die Veranstaltung bot sowohl für Projektbeteiligte als auch den Gästen ein "inspirierendes hier und jetzt" - so wie es Prof. Dr. Jens Heßmann, Dekan der Hochschule, in seiner Begrüßung erhofft hatte.

... die traditionsreichen Hallen mit Leben, Lust und Sinn füllen
Auf den drei Etagen der Hochschule Magdeburg-Stendal präsentierten mehr als 200 Jugendliche ihre 66 Projekte aus den Förderbereichen Zeitensprünge, Lokales Handeln für Beschäftigung, Was wir wollen, bekommen wir auch hin, Perspektive und Berufsfrühorientierung. Aus allen Ecken, Fluren und Räumen tönte Stimmengewirr, Musik und Lachen. Die Projektteilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich alle Mühe gegeben, ihre Arbeit so spannend und so anschauungsreich wie möglich vorzustellen.
  

Zeitenspringer

 
Ein paar junge Mädchen luden zum Verweilen auf einem Strohballen ein, um am Mühlrad der Geschichte zu drehen und sich das Schicksal der Müllerfamilie Grunitz anzuhören. Ein paar Schritte weiter veranschaulichte ein seltsam nachgiebiger Teppichboden, dass die heutige Hallenser Südstadt auf einem Moorgebiet erbaut wurde. In den "traditionsreichen Hallen" der Hochschule luden weitere Stände zum Schnuppern, Anfassen, Ausprobieren und Nachmachen ein. Orientierung und Hilfestellung in diesem bunten Spektakel boten die InfoScouts der Servicestelle Jugendbeteiligung "klar" aus Halle, die schnell und unkompliziert alle Fragen zur Bundesinitiative, zu den Projekten oder zum Programm-Ablauf beantworteten oder denjenigen halfen, die sich schlicht verlaufen hatten.

"Mut für die Zukunft hat seine Wurzeln in Heimatverbundenheit"
Der Präsentationstag begann pünktlich um 11:30 Uhr im Saal der Hochschule. Knapp 300 Anwesende verfolgten gespannt die Eröffnung. Rainer Robra, Staatsminister des Landes Sachsen-Anhalt, begrüßte stellvertretend für den erkrankten Ministerpräsidenten Prof. Böhmer die Gäste der Veranstaltung. "Mut für die Zukunft hat seine Wurzeln in Heimatverbundenheit", sagte er.
  

Theater an der Grenze

 
"Die Bundesinitiative wir ... hier und jetzt will nichts weniger als die Aneignung von Heimat. Dass es sich hierbei nicht um Rückwärtsgewandtheit handelt, beweisen die präsentierenden Projekte." Und so präsentierte sich im Anschluss auch gleich das Projekt Theater an der Grenze aus Magdeburg mit Auszügen aus ihrem Stück "Flucht.Gedanken", in dem die Jugendlichen Schicksale an der innerdeutschen Mauer verarbeiten. Für die ergreifende Darstellung gab es viel Beifall.

Arbeit wird als Haltefaktor überbewertet
Gründe für das Bleiben bzw. Gehen beschäftigten auch Professorin Christiane Dienel. Die Studie Menschen für Sachsen-Anhalt, die unter ihrer Leitung an der Hochschule Magdeburg-Stendal erarbeitet wurde, steht kurz vor der Veröffentlichung. Für die Gäste der Bundesinitiative verriet sie vorab die wichtigsten Ergebnisse. Die Soziologin fand genau die richtigen Worte für ihr vorwiegend jugendliches Publikum und verstand es, prägnant und humorvoll das demographische Problem der Abwanderung zu beleuchten, Methoden und Arbeitsergebnisse vorzustellen.
Prof. Christiane Dienel   

Prof. Christiane Dienel

 
"Es ist gar nicht so leicht, Menschen bei ihrem Innersten zu packen. Wohin sie gehen wollen, wann sie eine Familie gründen wollen und mit wem, kann man mit politischen Maßnahmen nicht so einfach steuern. Und doch darf man nicht so tun, als hätte Abwanderung nichts mit Politik zu tun", betonte sie. Das Ergebnis der Studie besteht hauptsächlich in der Erkenntnis, dass Abwanderung nicht nur mit harten Faktoren - sprich einem Arbeitsplatz - zu tun hat.

"Heimatgefühl kann Landeskinder dauerhaft verankern"
Im Gegenteil, nur 12 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer, die im Jahr 2002 das Land Sachsen-Anhalt verlassen hätten, seien vorher arbeitslos gewesen. Vor allem junge Frauen wanderten in der Regel sogar aus rein privaten Gründen ab. Christiane Dienel stellte in ihrem Vortrag die besondere Bedeutung der weichen Faktoren als Haltegründe hervor: "Heimatgefühl, die Bindung an Netzwerke und eine regionale Verantwortlichkeit können junge Landeskinder dauerhaft in einer Region verankern." Allerdings ließen sich solche Haltefaktoren nicht künstlich herstellen, "schon gar nicht von oben." Als Beispiel nannte sie die Image-Kampagne des Landes Baden-Württemberg. "Die funktioniert nur, weil das Ansehen des Landes sowieso gut ist." Wenn eine Region dagegen mit einem schlechten Image zu kämpfen habe, nütze auch keine Plakatkampagne. "Das ist nur von unten möglich, direkt vor Ort - nur so und nur ausschließlich so, wie es im Rahmen der Bundesinitiative passiert ist."

  

Auch Fehler waren wichtig
Um untereinander und vor allem auch quer durch die Förderbereiche auszutauschen, was denn nun genau in den Projekten der Bundesinitiative passiert ist, standen am Nachmittag fünf verschiedene Workshops auf dem Programm. Die Teilnehmer am Workshop zur Berufsorientierung debattierten beispielsweise kontrovers über verschiedene Konzepte der Berufsfrühorientierung. Dabei ging es u.a. um die Frage, ob man diese Orientierung an konkreten Berufen festmachen oder lieber bestimmte Fähigkeiten in den Vordergrund stellen und nach Branchen unterscheiden solle. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Workshop zum Programmbereich "Perspektive" betonten in ihrer Runde, wie positiv die Zulassung eines ergebnisoffenen Prozesses auf ihre Arbeit gewirkt hatte. "Für uns waren auch Fehler wichtig. In einem solchen Prozess muss nicht immer alles gelingen - das ist auch eine wertvolle Erfahrung", stellte beispielsweise Veit Urban vom Verein Land.Leben.Kunst.Werk. aus Cösitz fest.

  

Präsentationen

 

Am Abend der Präsentationsveranstaltung gab es kaum ein Gesicht, das nicht müde war - und trotzdem leuchteten die Augen der Gäste bis zum Schluss. Keine Frage, die Projekte haben allesamt ihre Kreise gezogen: "Durch die Bundesinitiative wir ... hier und jetzt habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich Projektarbeit lohnt, erst recht, wenn man Jugendliche einbindet", lautete ein Schlusswort aus dem Publikum. Eine treffende Zusammenfassung - für den Tag in Magdeburg und wir ... hier und jetzt.

Mehr Fotos von der Veranstaltung gibt es in den nächsten Tagen!

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