"Wir sind richtig gut..."
10.11.2004: 500 Jugendliche präsentieren sich im Schweriner Schloss: Bundesinitiative wir ... hier und jetzt in Mecklenburg-Vorpommern
(Text, Fotos: Jana Kellermann)
Der gelbe Trabant parkt wie selbstverständlich direkt vor dem Schweriner Schloss. Mehrere Kleintransporter und Busse rollen über das holprige Kopfsteinpflaster der Schlossbrücke. Und immer mehr Jugendliche schleppen Koffer und Kisten, tragen Pappen, Stoffe und Aufsteller in die Einfahrt. Fast sieht es aus, als wollten hunderte junger Menschen in den Landtag einziehen. Oder ihn besetzen.
Was macht der Trabi vor dem Schloss?
"Wissen Sie, warum der Trabi vor dem Schloss steht?", wird ein älterer Herr von einer Gruppe junger Mädchen gefragt. Der Spaziergänger ist auf dem Weg in die seeseitigen Räume des Schlosses, in denen bedeutende großherzogliche Kunstwerke Mecklenburgs ausgestellt werden. Auf die Frage der Jugendlichen hat er keine Antwort. Um ihn herum ist alles in Bewegung, auf der eleganten Wendeltreppe werden unzählige Gegenstände in die oberen Etage befördert, von überall her ertönt Stimmengewirr.
500 junge Menschen im Landtag
Wer am vergangenen Freitag tatsächlich mit allen Projekten ins Gespräch kommen wollte, hatte viel zu tun. Mehr als 70 Gruppen mit weit über 500 Jugendlichen präsentierten ihre Projektergebnisse in den Hallen und Gängen des Schweriner Schlosses. Sie alle wurden im Laufe des Jahres bzw. Ende letzten Jahres im Rahmen der Bundesinitiative wir ... hier und jetzt gefördert und hatten nun die Gelegenheit, sich und ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen, andere Projekte kennen zu lernen und an Workshops und Vorträgen teilzunehmen, die die Problematik der Abwanderung in Mecklenburg-Vorpommern in den Vordergrund stellten.
"Reden wir dieses Land nicht schlecht,
wir sind gut!"
Der Weggang junger, qualifizierter Menschen - besonders junger Frauen - aus den neuen die alten Bundesländer macht auch Mecklenburg-Vorpommern schwer zu schaffen. Trotzdem: "Wer unser Land verlässt, muss noch lange nicht verlassen sein. Vielleicht kommt er irgendwann zurück", erklärte Claus Wergin (Referent im Ministerium für Arbeit, Bau und Landesentwicklung) und verwies auf die Agentur mv4you, die am Freitag ebenfalls mit einem Informationsstand im Schloss vertreten war. Unter dem Eindruck der vielfältigen Projektpräsentationen zeigte er weit mehr als nur Zweckoptimismus in seinem Referat: "Wenn wir uns hier heute umgucken, dann sehen wir: Es gibt viele junge Leute mit guten Ideen. Reden wir dieses Land nicht schlecht, wir sind gut!"
Junge Menschen stärken gegen Rechts
Davon konnte sich auch der Ministerpräsident des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Harald Ringstorff, überzeugen, der die Schirmherrschaft für die wir ... hier und jetzt - Präsentation übernommen hatte. Während seines ausführlichen Spaziergangs durch die Gänge des Schlosses sprach er mit mehr als zehn Projektgruppen, ließ sich Filme vorführen, von den Ergebnissen berichten und ermunterte die Jugendlichen zum Weitermachen. "Das sind alles wichtige Projekte", sagte Ringstorff schließlich im Festsaal, "und es ist nur gut, wenn junge Leute sich kreativ betätigen und sich mit Geschichte auseinander setzen." Dies sei schließlich das beste Mittel gegen "die rechten Rattenfänger", so Ringstorff.
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Dr. Harald Ringstorff in der Bibliothek |
Harald Ringstorff und die vierzig Jugendlichen
Circa vierzig Jugend-
liche nahmen am Nachmittag die ein-
malige Gelegenheit wahr, mit dem Minister-
präsidenten über ihre Chancen und Probleme in Mecklenburg-Vorpommern zu diskutieren. Ringstorff hatte für diese ungewöhnliche Runde viel Zeit und ordentlich Sitzfleisch mitgebracht, saß er doch sozusagen in Augenhöhe mit den Jugendlichen auf dem Fußboden der Schlossbibliothek auf einem kleinen, blauen Kissen. Längst nicht alle Probleme, die die Jugendlichen dort ansprachen, ließen sich auf Anhieb lösen. So brachte beispielsweise die Stralsunder Schülerin Heidi (17) ihre Unzufriedenheit mit den angebotenen Leistungskursen an ihrer Schule zum Ausdruck - eine Angelegenheit, in der auch der Ministerpräsident wenig ausrichten konnte. "Man kann nicht alle individuellen Wünsche berücksichtigen", bedauerte er. Konkrete Angebote konnte Ringstorff hingegen einer Gruppe von Jugendlichen aus Greifswald machen. Ihr Club "Pariser", über dessen Lautstärke sich Anwohner beschwert hatten, liefe nun Gefahr, geschlossen zu werden, berichteten sie. "Lärmschutz gehört zwar zur Bundesgesetzgebung", erklärte der Ministerpräsident, "aber ich könnte den OB König mal anrufen und ihm euer Anliegen vortragen", bot er an.
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Fragerunde mit Jugendlichen |
Bei allen Problemen komme es auf das Miteinander Reden an. Er sei zuversichtlich, dass eine Einigung zwischen den Jugendlichen und den Anwohnern gefunden werde, betonte jedoch, wie wichtig es sei, eigene Aktivitäten zu entwickeln. "Die beste Möglichkeit besteht immer noch darin, selbst Politik zu machen, das Problem in die Stadtparlamente einzubringen und um Mehrheiten zu werben," legte er am Ende allen Anwesenden ans Herz.
Selbstwirksamkeit stärkt Selbstbewusstsein
Mit dieser Empfehlung stieß Ringstorff am Präsentationstag von wir ... hier und jetzt auf Hunderte von offenen Ohren. Der Erfolg der Bundesinitiative zeigt sich - das wurde in Schwerin einmal mehr deutlich - besonders in der Erfahrung der eigenen Wirksamkeit, die die jungen Menschen in ihren Projekten machen konnten. "Die Jugendlichen sind unglaublich engagiert und motiviert", bestätigte Dr. Thomas Gericke vom Deutschen Jugendinstitut (DJI), das die Bundesinitiative wissenschaftlich begleitet hatte. Die Erprobungs- und Gestaltungsräume, die den Jugendlichen in den Projekten zur Verfügung gestellt wurden, seien auf vielfältige Art und Weise genutzt worden. Dabei "ist eine produktive Mischung aus Aktion und Struktur entstanden", so Gericke.
Stolz, selbstbewusst und unermüdlich präsentierten die Projektteilnehmerinnen und Projektteilnehmer ihre Arbeitsergebnisse im Schweriner Schloss und beeindruckten damit Gäste wie den Bildungsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Prof. Dr. Dr. Hans-Robert Metelmann oder Andreas Bluhm, Vizepräsident des Landtages. Und am Ende des Tages wusste auch jeder Gast, warum der Trabi vor dem Schloss stand.






