"Eine rundum gelungene Sache..."
16.11.2004: Projekte der Bundesinitiative "wir ... hier und jetzt" präsentierten sich im Erfurter Club Centrum
(Text, Fotos: Jana Kellermann)
Aus der Dunkelheit des schummrigen Raumes taucht ein seltsames Pärchen auf. Es schreitet in aller Ruhe von Projektstand zu Projektstand. Nicht von dieser Welt - vielmehr nicht aus dieser Zeit scheinen die beiden zu kommen. Ihre Haltung ist tadellos, Frack und Zylinder sitzen perfekt, die gelben Spitzen des weiten Kleides sind frisch gestärkt und gebügelt. Jeden, der sie verstohlen beobachtet, lächeln sie freundlich an, nicken dezent und schweben weiter, in die nächste Etage zu den anderen verwunderten Gästen und Teilnehmern der Präsentationsveranstaltung von wir ... hier und jetzt.
Das Pärchen hat sich nicht in den Club verlaufen, im Gegenteil: Die Kostümierung von Claudia und Alexander gehört zur Projektpräsentation: "Wir sind Zeitenspringer", erklären sie. Ihr Team hat alte Sitten und Bräuche im Kyffhäuserkreis erforscht. "Das Kleid", erzählt Claudia stolz, "ist ein original Tanzstunden-Abschlusskleid aus den 20er Jahren. Und der Anzug? "Der ist auch echt", versichert Alexander.
Das Schernberger Zeitenspringer-Team "Unsere Heimat im Wandel der Zeit" präsentierte sich und seine Arbeitsergebnisse neben weiteren 47 Thüringer wir ... hier und jetzt-Projekten am vergangenen Freitag im Erfurter Club Centrum. Die historischen Kostüme haben im Laufe des Tages viele neugierige Besucher zu ihrem Projektstand gelockt. "Eine gute Idee", freuten sich Claudia und Alexander. "Es ist gar nicht so einfach, zwischen den vielen anderen Ständen aufzufallen."
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Projekt "Lebenslinien" |
Die Jugendlichen haben erfolgreich gearbeitet
Auf Leinwänden, an Tischen und Tafeln, auf den Bühnen und Gängen zeigten hunderte Jugendliche, was sie im Laufe des Jahres erarbeitet, erforscht und analysiert hatten. Fast schienen die zwei Etagen im Centrum nicht auszureichen für die vielfältigen Präsentationsideen der Jugendlichen. Als eine "rundum gelungene Sache" bezeichnete denn auch die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen Iris Gleicke die Projektpräsentation. Von den innovativen Ideen und der Qualität der Arbeit hatte sie sich als Patin von zwei Thüringer Projekten bereits im Vorfeld überzeugen können. Obwohl sie am Freitag nicht persönlich anwesend sein konnte, ließ sie in ihrem Grußwort verlautbaren, dass sie die Jugendlichen ermutigen möchte, "weiter zu machen, sich auszutauschen und die berühmten Netzwerke zu bilden. Die Jugendlichen haben bewiesen, dass ihnen an ihrer Heimat gelegen ist. Sie haben erfolgreich gearbeitet." wir ... hier und jetzt sei damit der Abwanderungstendenz in Thüringen mit neuen Möglichkeiten entgegen getreten. Katrin Göring-Eckardt, Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, bedauerte ebenfalls, dass sie nicht an der Länderpräsentation teilnehmen konnte. In ihrem Grußwort ging sie auf den Mut und den Willen ein, das Gemeinwesen mitzugestalten. "Nur Menschen, die sich mit ihrer Heimatregion positiv identifizieren, suchen dort auch eine Perspektive", schrieb sie. wir ... hier und jetzt habe direkt im Lebensumfeld der Jugendlichen angeknüpft, es sei darum gegangen, kleine, lokale Projekte anzustoßen statt hierarchische Strukturen aufzubauen, so Göring-Eckardt.
Bundesinitiative wirkt sinnstiftend
Diesen Gedanken bestätigte auch Peter Weise, Landesgeschäftsführer des Landesjugendrings Thüringen: "Die Bundesinitiative kann zwar die wirtschaftlichen Probleme des Landes nicht lösen, aber sinnstiftend wirken. Wir hoffen, dass deshalb noch Mittel für den Bundeshaushalt 2005 bereit gestellt werden, um hier auch im nächsten Jahr anknüpfen zu können."
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A. Rothe (außen) mit S. Volquardsen und T. Weise am Stand der ver.di JUGEND |
Mittel für 2005 fehlen
Die Frage, ob und wie die Projekte im nächsten Jahr weiter arbeiten werden, stellte auch Astrid Rothe, Landessprecherin der Thüringer Bündnisgrünen, die gemeinsam mit Sabine Volquardsen, Mitarbeiterin der CDU-Bundestagsabgeordneten Antje Tillmann einige Projektstände besuchte. Nur wenige Träger, darunter die ver.di JUGEND, die das Projekt "Lass uns reden" im Programmbereich Berufsfrühorientierung durchgeführt hatte, deuteten an, dass sie einige Ideen im nächsten Jahr aufgreifen wollten. Den meisten Projektgruppen, vor allem Schulklassen und kleineren Trägern, fehlen dagegen schlicht die finanziellen Mittel.
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Zu Besuch beim Projekt "Frisch gepresst" |
Wichtige Erfahrungen
Trotz der vagen Aussichten für 2005 überwog am Freitag die Freude und der Stolz der Projektgruppen auf ihre Arbeitsergebnisse. "Wir waren zweimal auf der Titelseite unserer Kirchenzeitung Glaube + Heimat", erzählten beispielsweise die Kinder vom Greizer Zeitensprünge-Projekt "Ein Hund auf dem Kirchturm". "Und wir sind zwar noch keine Konkurrenz, haben aber große Pläne", verrieten Denise und Julia vom Suhler Projekt "Frisch gepresst" aus dem Handlungsbereich "Was wir wollen, bekommen wir auch hin". Die Mitarbeit an der Azubi-Beilage vom Freien Wort und der Südthüringer Zeitung soll künftig für alle Auszubildenden verpflichtend sein. "Wir lernen die Berufe Büro- und Verlagskauffrau. Obwohl wir keine Journalistinnen werden wollen, ist die Mitarbeit bei "Frisch gepresst" unheimlich wichtig für unsern Job. Wir verstehen jetzt die Arbeitsabläufe viel besser und können uns mit der Zeitung identifizieren," beschreiben Denise und Julia ihre Projekterfahrung.
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Breakdance-Show im Club Centrum |
Jugend ist schon da!
So oder ähnlich äußerten sich die meisten Projektteilnehmerinnen und Teilnehmer. Die eigene Wirksamkeit, die Arbeit an Themen, die die Jugendlichen selbst betreffen und die Nutzung bzw. Bereitstellung der Ergebnisse für andere hat auch an das Selbstverständnis der jungen Menschen gerührt. "Jugend ist nicht die Zukunft, sondern sie ist schon da", verkündete selbstbewusst ein Flyer des Projektes "Lebenslinien". wir ... hier und jetzt hat versucht, dazu beizutragen, dass Jugend auch bleibt - oder zumindest wiederkommt.





