Vielfalt und Kreativität in Sachsen-Anhalt
14.12.2004: Parlamentarische Staatssekretärin Christel Riemann-Hanewinckel würdigt Arbeit der wir ... hier und jetzt-Projekte
(Text/Fotos: Jana Kellermann)
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'Steinaktie' aus Zappendorf |
Die fünf jungen Zeitenspringer sitzen mit leuchtenden Augen im Jugendclub Zappendorf. Es gibt selbst gebackenen Kuchen und frischen Kaffee. Mit am Tisch sitzt heute ein besonderer Gast. Christel Riemann-Hanewinckel, Parlamentarische Staatssekretärin im BMFSFJ, ist zu Besuch, um sich vor Ort ein Bild über die Ergebnisse der Bundesinitiative wir ... hier und jetzt zu machen. Fast kommt ein wenig Adventsstimmung in der Runde auf - und das nicht nur, weil Henriette, Lisa, Anja, Christoph und Paul heute nicht zur Schule gehen müssen. Neben der liebevoll gedeckten Kaffeetafel steht ein kleines Beistelltischchen mit Ammoniten und fossilen Farnen, Fundstücken aus der Umgebung, angerichtet wie auf einem Gabentisch.
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Zeitenspringer: Henriette, Lisa, Anja, Christoph und Paul |
Von Steinen und Geschichten
Das Kinder- und Jugendcamp Zappendorf liegt direkt an den Muschelkalkhängen im Ortsteil Zöllme, einem ehemaligen Steinbruch nordwestlich von Halle. "Bei dieser Umgebung war es schon interessant, mehr über den Ort zu erfahren, an dem wir jeden Tag sind", erzählt Paul. Durch den ganzen Ort ist er gemeinsam mit den anderen Jugendlichen gezogen auf der Suche nach Zeitzeugen, älteren Menschen, die kleine Geschichten über das Gelände des heutigen Jugendclubs erzählen konnten. "Und was habt ihr herausgefunden?", fragt Christel Riemann-Hanewinckel.
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Ruine eines Kalkofens in Zappendorf |
"Gojko Mitic, das war ein Knaller!"
Herausgefunden hat das Zeitenspringer-Team zum Beispiel, dass das Gelände in den 60er Jahren als Kulisse für DEFA-Filme wie zum Beispiel Die Söhne der großen Bärin diente. "Ja, der Film mit Gojko Mitic, das war ein Knaller!", schwärmt die Staatssekretärin plötzlich. "Aber nicht nur der Film, sondern auch das Buch." Die Zeitenspringer sind beeindruckt vom Fachwissen ihres Gastes, denn Christel Riemann-Hanewinckel erinnert sich weiter: "Die Autorin Liselotte Welskopf-Henrich hat ja im Gegensatz zu Karl May wissenschaftlich abgesichert die Geschichte und Probleme der nordamerikanischen Indianerstämme erzählt."
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Christel Riemann-Hanewinckel |
Nachdem sich die Runde ausgiebig über Die Söhne der großen Bärin ausgetauscht hat, kommt die Staatssekretärin noch einmal auf die fossilen Funde zurück. "Die Steine haben wir auf unseren Erkundungen gefunden. Möchten Sie eine 'Steinaktie" kaufen?", fragt Paul, der neben Geschichts- und Heimatbewusstsein offenbar auch eine Portion Geschäftssinn im Zeitensprünge-Projekt erworben hat. Und selbstverständlich kauft Christel Riemann-Hanewinckel 'Steinaktien', gleich drei Stück. Nicht nur, weil sie damit den Jugendclub unterstützt. Als stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums des Vereins zur Förderung des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale) e.V. ist sie sozusagen vom Fach.
Gute Projekt-Ideen im Wettiner Nest
Es ist etwas wärmer geworden auf dem Weg zur zweiten Station, die Sonne scheint und taucht die Maueranlage von Wettin in ein freundliches, helles Licht. Im "Nest" e.V. direkt am Ufer der Saale wird Christel Riemann-Hanewinkel bereits erwartet. Hiltrud Blaue, die Vorsitzende des Vereins, stellt stolz das Projekt "Carport" aus dem Förderbeich "Lokales Handeln für Beschäftigung" vor. Jugendliche hatten hier kostenlos und unter fachmännischer Anleitung eine kleine KFZ-Werkstatt eingerichtet.
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Christel Riemann-Hanewinckel mit Heidemarie Rubart (rechts) |
Stiftung Demokratische Jugend.
In der KFZ-Werkstatt erzählt Projektleiter Jens Rudolph: "Solche Angebote sprechen sich schnell herum. Die Jugendlichen kommen manchmal extra am Wochenende, selbst wenn sie gar nicht mehr in Wettin wohnen."
Verbundenheit fördern mit wir ... hier und jetzt
An dieser Stelle nickt Christel Riemann-Hanewinckel. "Diese Rückkehrbindungen gehören mit zu den erstaunlichen Ergebnissen der Studie 'Menschen für Sachsen-Anhalt'. Es wäre toll, wenn wir mit wir ... hier und jetzt so eine Verbundenheit schaffen könnten. Ich habe nichts dagegen, wenn junge Leute auf Wanderschaft gehen. Aber wiederkommen sollen sie - mit ihren Erfahrungen." Ob zum Bleiben, Neu- oder Wiederkommen: das Nest scheint ein idealer Ort zu sein, um auf künstlerische, handwerkliche oder Freizeitbedürfnisse junger Menschen einzugehen. Von den Angeboten des Vereins ist Christel Riemann-Hanewinckel jedenfalls so beeindruckt, dass sie Hiltrud Blaue und Jens Rudolph mindestens "ideelle Hilfe" für künftige Vorhaben zusichert.
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Gesprächsrunde im Akazienhof: Heidemarie Rubart neben Olaf Ebert (links); gegenüber Beate Gellert im Gespräch mit der Parlamentarischen Staatssekretärin Christel Riemann-Hanewinckel |
Neue Prozesse und Netzwerke in Halle
Am späten Nachmittag geht es weiter zur dritten und letzten Station nach Halle. Olaf Ebert, Geschäftsführer der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V., empfängt Christel Riemann-Hanewinckel im Akazienhof, einem Alten-, Förder- und Behindertenwohnheim. Die Einrichtung ist Partner im Perspektive-Netzwerk 'Schule als sozialer Ort', das sich im Rahmen der Projekt-Förderung gründen konnte.
"Wir haben 2004 einen wichtigen Prozess angestoßen: die Kooperation von Schule und außerschulischen Partnern im sozialen Bereich", fasst Lysan Escher, Leiterin des Projektes, zusammen. Dass Schule nicht immer nur als ein in sich geschlossenes System funktionieren muss, sondern von der Verzahnung mit anderen Akteuren durchaus profitieren kann, hat sich im Projekt 'Lebenswelt' gezeigt. 35 Schülerinnen und Schüler des Christian-Wolff-Gymnasiums verpflichteten sich hier, jeweils im Zweier-Team einmal wöchentlich in Einrichtungen wie der Bahnhofsmission oder der AIDS-Hilfe zu arbeiten.
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Stefanie und Janika |
"Herausforderung, soziale Kompetenzen bei Schülern zu wecken...
"Es ist nach wie vor eine große Herausforderung für uns, soziale Kompetenzen bei den Schülern zu entwickeln, ja überhaupt zu wecken", erklärt Rüdiger Engels, Lehrer am Christian-Wolff-Gymnasium. Mit den Partnern des Netzwerkes sei aber ein für alle Seiten gewinnbringender Prozess angestoßen worden. Das bestätigen auch Stefanie (17) und Janika (16), die im Rahmen des Projektes 'Lebenswelt' im Akazienhof tätig sind. Jeden Montag kommen sie seit Beginn des Schuljahres her und spielen mit den Bewohnern des Behindertenwohnheims 'Mensch, ärgere dich nicht', stellen Window-Colour-Bilder her oder unterhalten sich einfach mit ihnen. Kontaktängste gibt es keine: "Wir waren zwar am Anfang ziemlich aufgeregt, aber schon beim zweiten Mal war der Umgang miteinander ganz unverkrampft", erinnert sich Stefanie. "Wir wurden sehr herzlich aufgenommen", erzählt auch Janika. Die Arbeit ist zwar anstrengend, aber sehr schön. Leider ist es so, dass behinderte Menschen immer als 'anders' angesehen werden, aber das ist gar nicht so. Es sind erwachsene Körper mit Kinderseelen."
Soziales Gen?!
Wie vertraut die Mädchen mit den Heimbewohnern umgehen und wie herzlich sie dort begrüßt werden, davon kann sich auch Christel Riemann-Hanewinckel bei einem kurzen Spaziergang überzeugen. "Viele meinen ja, Frauen können so etwas besonders gut, sie hätten quasi ein Gen dafür", bemerkt die Staatssekretärin. "Ich fände es toll, wenn mehr junge Männer an solchen Projekten teilnehmen könnten." Tatsächlich engagieren sich in den sozialen Projektes des Netzwerkes Jungen nur zu einem Viertel. Aber vielleicht bewegt sich hier durch den Erfahrungsaustausch noch etwas. Denn die langfristige Integration der Projekte in den Unterricht zeigt sich beispielsweise darin, dass Janika und Stefanie jetzt in der Lage sind, Referate über Alzheimer zu halten oder etwas über Vormundschaft und Mündigkeit gelernt haben, das sie in der Schule erzählen können. Neben der wertvollen Arbeit, die sie hier in ihrer Freizeit verrichten, sammeln sie auch weitaus mehr Erfahrungen, als es zum Beispiel in einer bloßen Projektwoche der Fall wäre.
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Ch. Riemann-Hanewinckel mit Beate Gellert |
Hierbleiben hat etwas mit Identität zu tun
Mit sozialem Raum in Halle hat schließlich auch das letzte Projekt zu tun, über das sich Christel Riemann-Hanewinckel heute informiert. Das Zeitenspringer-Team "Entwicklung des Stadtteils Halle-Südstadt von der Agrarfläche zur DDR-Plattenbausiedlung" hat eine Dokumenation seiner Arbeit vorbereitet. Die Erforschung des unmittelbaren Umfelds sei für die äußerst heterogene Gruppe der Jugendlichen eine wichtige Erfahrung gewesen, erklärt Beate Gellert, Leiterin des Kinder- und Jugendhauses in der Hallenser Südstadt: "Hierbleiben hat auch etwas mit Identität zu tun." Und am Ende der Präsentation erzählt sie: "Einige Jugendliche haben sogar eine Lehrstelle gefunden aufgrund der Kontakte, die sich durch die Zeitzeugen-Interviews ergeben hatten." Eine gute Erfolgsbilanz für wir ... hier und jetzt am Abend eines abwechslungsreichen Tages mit Jugendlichen aus den geförderten Projekten und Christel Riemann-Hanewinckel, die sich einmal mehr ein Bild von der Kreativität junger Menschen in Sachsen-Anhalt machen konnte.







