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Zentrale Ergebnisse der Bundesinitiative "wir … hier und jetzt" und ihr Transfer in Fachpraxis und -politik

Evaluationsergebnisse des Deutschen Jugendinstituts (DJI)

  

Auf Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) wurde im Herbst 2003 die Bundesinitiative "wir … hier und jetzt" ins Leben gerufen. Ziel dieser bis Ende 2004 laufenden Initiative war es, den Jugendlichen in den neuen Ländern und Berlin Perspektiven zu eröffnen und der anhaltenden Abwanderung junger Menschen aus den neuen Ländern entgegen zu wirken. Das Vorhaben wurde unter Einbeziehung lokaler Akteure - Kommunen, Jugendhilfe, Schule, Arbeitsämter, Kirchen und Vereine, lokaler Wirtschaft und anderen - umgesetzt. Über die gesamte Laufzeit vom Herbst 2003 bis zum 31.12.2004 wurden in fünf Handlungsfeldern und ihren Themenschwerpunkten insgesamt 416 Einzelprojekte mit Beträgen zwischen 3500 und 7500 Euro gefördert. Fast 13.000 junge Menschen haben sich aktiv beteiligt.

Die Bundesinitiative "wir ... hier und jetzt" verfolgte die jugendpolitische Zielstellung, bei den Jugendlichen in den neuen Ländern und Berlin

  • die Motivation zu entwickeln, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen,
  • Engagement der Jugendlichen in den verschiedensten Bereichen zu fördern,
  • Partizipation bei der aktiven Gestaltung der Jugendarbeit zu stiften und
  • die Identifikation mit dem Wohnort und der Region zu stärken.

Gleichzeitig sollten möglichst viele Akteure angeregt werden, neue Wege in der Jugendarbeit zu gehen und dafür auch neue Partnerschaften einzugehen. Die Bundesinitiative war deshalb auch auf die Einbindung der Wirtschaft, vielfältiger Einrichtungen der Kommunen und Länder und verschiedenster freier und privater Initiativen und Institutionen gerichtet, die bisher mit der Jugendarbeit primär nicht befasst waren. Die Bundesinitiative hatte hier die Funktion eines Impulsgebers.

Die Umsetzung dieser jugendpolitischen Zielstellungen erfolgte in einem Fächer von fünf sehr unterschiedlichen Handlungsfeldern:

  • Jugendprogramm "Zeitensprünge",
  • Förderprogramm "Lokales Handeln für Beschäftigung",
  • Förderwettbewerb "Was wir wollen, bekommen wir auch hin",
  • Förderwettbewerb "Berufsfrühorientierung" und
  • Ideenwettbewerb "Perspektive".
  

Ziel dieses Fächers von Handlungsfeldern war es einerseits, die Anregungsfunktion der Bundesinitiative "wir … hier und jetzt" in einem möglichst breiten Spektrum von Feldern und Akteuren der Jugendarbeit wahrzunehmen und gleichzeitig in speziellen Handlungsfeldern aktiv zu werden, in denen Fachpraxis und Fachpolitik einen konkreten Handlungs- und Entwicklungsbedarf festgestellt haben, wie das z. B. bei der "Berufsfrühorientierung" der Fall ist.

Das Deutsche Jugendinstitut e.V. hat im Auftrag der "Deutschen Kinder- und Jugendstiftung" und der "Stiftung Demokratische Jugend", als den Trägern der Bundesinitiative "wir … hier und jetzt", die wissenschaftliche Begleitung der Bundesinitiative durchgeführt. Dazu wurden in allen Handlungsfeldern insgesamt 41 Projektstudien erarbeitet und im Rahmen der Länderpräsentationen nicht standardisierte Gruppendiskussionen und Einzelinterviews durchgeführt.

Die zentralen Fragestellungen der wissenschaftlichen Begleitung waren:

  1. Welche jugendpolitischen Wirkungen wurden mit der Bundesinitiative erzielt?
  2. Welche inhaltlichen und fachlichen Ergebnisse und Erkenntnisse brachte die Arbeit in den einzelnen Handlungsfeldern und welche der Ergebnisse lassen sich wie verstetigen?

Die Untersuchungen der wissenschaftlichen Begleitung durch das Deutsche Jugendinstitut e.V. belegen, dass mit der Bundesinitiative sowohl auf der jugendpolitischen Ebene als auch in den einzelnen Handlungsfeldern wichtige und über den Förderzeitraum hinaus wirksame Ergebnisse erreicht werden konnten, die sowohl die Qualität als auch die Strukturen der Jugendarbeit betreffen.

1. Zu den zentralen jugendpolitischen Ergebnissen der Bundesinitiative

  

Mit über 400 Projekten und Vorhaben in allen fünf neuen Ländern und Berlin hat die Bundesinitiative in relativ kurzer Zeit eine große Aktivierungsleistung vollbracht und eine Vielzahl von Jugendlichen und institutionellen Akteuren der Jugendarbeit erreicht. Die von den beiden beauftragten Stiftungen für die Umsetzung genutzte Struktur der Regionalpartner hat hierzu wesentlich beigetragen. Es sind durch die Bundesinitiative Strukturen und Arbeitsformen entstanden, die über den eigentlichen Förderzeitraum
vieler Projekte hinaus Bestand haben werden.

Zu den wichtigsten jugendpolitischen Ergebnissen der Bundesinitiative zählen:

  • Die Bundesinitiative hat an ihren Standorten zu einer nachweisbaren Aktivierung der Jugendarbeit beigetragen und dabei vor allem die Jugendlichen selbst angeregt, Akteur der Jugendarbeit zu werden.
  • So sind Tonstudios entstanden oder Schneiderstuben. Die Mädchen von "experience de luxe" aus Berlin waren mit der Produktion von modischen "Klamotten" und deren Verkauf so erfolgreich, dass sie auch 2005 weitermachen werden.

  • Die Bundesinitiative hat eine breite, von den Jugendlichen selbst wahrgenommene Partizipation an der Konzipierung von Jugendarbeit initiiert.
  • Gemeinsam haben z. B. die Jugendlichen von "go East" in Eisenach ein neues Konzept für die ehemals geplante Kfz-Selbsthilfewerkstatt entwickelt und praktisch umgesetzt, als sich die Rahmenbedingungen änderten. Der entstandene Mountain-Biker Treff mit Fahrradwerkstatt hat den Jugendlichen gezeigt, dass sie eigene Vorstellungen entwickeln und realisieren können.

  • In zahlreichen Projekten, vor allem im Handlungsfeld "Zeitensprünge", hat die Bundesinitiative eine bemerkenswerte identitätsstiftende Wirkung gehabt.
  • Unterstützt durch Sticker, Schlüsselbänder und T-Shirts haben sich die Jugendlichen als wirkliche Teams mit einer Aufgabe und einer gemeinsamen Verantwortung für diese Aufgabe verstanden. Viele dieser sehr leistungsheterogen zusammengesetzten Teams haben sich bereits die nächste Aufgabenstellung gesucht. Die Einbindung der Arbeit dieser Projektgruppen in den Unterricht durch die Lehrer muss noch verstärkt werden.
  • An einigen Standorten hat die Bundesinitiative zu völlig neuen Kooperationen zwischen Trägern der Jugendarbeit und anderen Akteuren geführt.
  • In Sondershausen ist zwischen einem freien Träger der Jugendarbeit, dem regionalen Unternehmerverband und dem Verband für Wirtschaftsförderung eine gemeinsame Initiative entstanden, die Jugendliche frühzeitig mit der Idee des selbständigen Unternehmers konfrontiert und ein Netzwerk aufgebaut hat, mit dem junge Erwachsene langfristig auf die Anforderungen und die Rolle des Unternehmers vorbereitet werden.

  • Die Bundesinitiative hat dazu beigetragen, neue Vermarktungskonzepte für attraktive Angebote der Jugendarbeit zu entwickeln und so den Bestand der Angebote auch bei rückläufiger Förderung aufrecht zu erhalten.
  • In Bischofswerda ist es so gelungen, das Abenteuercamp Deutsch-Baselitz durch Zusammenarbeit mit den regionalen Vermarktungsagenturen und die Kooperationen mit Reiseveranstaltern zu erhalten. Die Schulungsangebote der Bundesinitiative mit Inhalten jenseits traditioneller Jugendarbeit sind hierbei besonders wirksam gewesen.

Die jugendpolitischen Wirkungen der Bundesinitiative "wir .. hier und jetzt" hätten über die positive Bilanz hinaus an Reichweite noch gewinnen können. Vor allem zwei Erfahrungen sind hier bei zukünftigen Vorhaben zu berücksichtigen:

  • Bei aller "Breitenwirkung" ist ein so breit gefächertes Vorhaben wie die Bundesinitiative jugendpolitisch schwer zu vermarkten, weil die inhaltlichen und strukturellen Konturen sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Zukünftige Vorhaben dieser Art sollten deshalb inhaltlich und strukturell auf ein Themenfeld zugeschnitten sein.
  • Die Umsetzung eines so komplexen Vorhabens wie das der Bundesinitiative benötigt einen größeren zeitlichen und organisatorischen Vorlauf. Vor allem der Termindruck in der ersten Bewilligungsrunde hat dazu geführt, dass die Regionalpartner der Stiftungen in erster Linie bestehende Arbeitskontakte zu Trägern der Jugendarbeit für die Beteiligung an der Bundesinitiative gewonnen haben. Einzelvorhaben und frei agierende Akteure der Jugendarbeit wurden so erst relativ spät erreicht.

2. Zu den Ergebnissen in den fünf Handlungsfeldern

2.1 Jugendprogramm "Zeitensprünge"

  

Das zahlenmäßig umfangreichste Handlungsfeld der Bundesinitiative war das Jugendprogramm "Zeitensprünge". Ziel der 164 Projekte war es, durch die Auseinandersetzung mit der Lokal- und Regionalgeschichte die Bindung zum eigenen Lebensumfeld zu vertiefen. Die Themen der Zeitenspringer-Teams waren breit gefächert und reichten von der Erforschung der Zugkatastrophe in Bischleben (Thüringen), über die Erarbeitung eines Multimedia-Stadtführer "Reise durch die Geschichte Freitals"(Sachsen) bis zur Erforschung der Geschichte von Unternehmen der Stadt Neubrandenburg (M-V).

Zentrale Fragestellungen in diesem Handlungsfeld waren:

  • Wie kann durch Beteiligungs- und Gestaltungsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen lokale Bindung gestärkt werden kann?
  • Wie lassen sich die gemachten Erfahrungen, die erprobten Ansätze und Strategien als Regelangebote der Schulen verstetigen?
  • Wie kann der Erfahrungstransfer aus den Zeitenspringer-Teams in andere Schulen erfolgen?

Die wichtigsten Ergebnisse der Bundesinitiative im Handlungsfeld "Zeitensprünge" sind:

  • Durch die Erstausstattung der Zeitenspringer-Teams mit Digitalkamera, MP3-Player etc. angeregt, haben die Jugendlichen relativ schnell Themen und Fragestellungen gefunden, denen sie im Rahmen ihrer Projekte nachgehen wollten. Viele dieser Teams haben sich so engagiert und sind durch die Projektarbeit inzwischen als Gruppe so stabil, dass sie sich auch nach Auslaufen der Förderung durch die Bundesinitiative neue Themen und Fragestellungen suchen werden.
  • Vor dem Hintergrund der PISA- Ergebnisse ist besonders bemerkenswert, dass in den Zeitenspringer-Teams Leistungsgruppen übergreifend zusammengearbeitet wurde und so leistungsschwächere Schüler von leistungsstärkeren profitieren bzw. ihre ganz spezifischen Kompetenzen in die Projektarbeit einbringen konnten.
  • Die Teams haben sich neue Arbeitsmethoden und -verfahren erschlossen und haben in einem hohen Maß selbst organisiert und eigenverantwortlich gearbeitet. Das reichte von der Konzipierung der Projekte und der Untersuchungsmaterialien über Fragen der Interviewführung, der Dokumentierung und Auswertung aller Fakten bis zur Planung des Projektablaufes und der Selbstkontrolle des Arbeitsstandes. Die starke Produkt- oder Ergebnisorientierung hat die Jugendlichen in ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Handlungskompetenz gestärkt.
  • Nicht selten waren die Zeitenspringer-Teams in den Schulen Impulsgeber für die Verknüpfung von schulischen und außerschulischen Angeboten oder die "Keimzellen" für das Entstehen anderer, außerschulischer Vorhaben, die sowohl weitere Jugendliche als auch weitere Lehrer oder außerschulisch Aktive einbezogen. In einzelnen Schulen wurden die äußerlichen Attribute der Bundesinitiative (T-Shirts, Schlüsselbänder etc.) als Zeichen dafür getragen, "dazu zu gehören".
  • Die meisten Zeitenspringer-Teams konnten ihre Arbeit in den Unterricht einbringen, die meisten sind aber mit dem Umfang und mit der Würdigung ihrer Leistung im Unterricht unzufrieden. Auch wenn überhöhte Erwartungen berücksichtigt werden, ist die Einbindung der Projektarbeit in den Unterricht in zweifacher Hinsicht unzureichend: Die meisten Lehrer haben keine Erfahrungen, wie Projektunterricht in den Regelschulbetrieb integriert werden kann. Häufig sehen sie in dieser Methode sogar einen Unsicherheitsfaktor für die Unterrichtsgestaltung. Die Projektarbeit berührt meist verschiedene Unterrichtsfächer. Die Verknüpfung unterschiedlicher Aspekte eines Gegenstandes gelingt in den verschiedenen Unterrichtsfächern nur selten.
  • Ausgesprochen kritisch ist der Transfer des Zeitenspringer-Ansatzes und seiner Erfahrungen zwischen den Schulen zu werten. Gründe hierfür liegen vor allem in der nicht endenden Dynamik der Schulschließungen. In das Programm involvierte Schulen sahen die Teilnahme am Bundesprogramm als "Qualitätsmerkmal" und "Wettbewerbsvorteil". Der Aufbau von nachhaltigen Ideen- und Projektnetzwerken scheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt dort am wahrscheinlichsten, wo die Projektträger Initiativen aus der Kinder- und Jugendarbeit sind und Schulen als Kooperationspartner/innen fungieren. In dieser Konstellation fungieren Zeitspringer-Projekte quasi als "vertrauensbildende" Maßnahme zwischen den Schulen.

2.2 Handlungsfeld "Lokales Handeln für Beschäftigung"

  

Im Handlungsfeld "Lokales Handeln für Beschäftigung" wurden insgesamt 77 Projekte gefördert, die sowohl den sozialen Zusammenhalt in den Gemeinden verbessern und zugleich Ressourcen für Handel, Dienst- und Sozialleistungen erschließen sollten. Praktisch ging es um die Fragen: Was braucht unser Stadtteil oder unsere Gemeinde? Was können wir selbst verwirklichen, wen können wir einbinden?
Die Projekte in diesem Handlungsfeld verfolgten sehr unterschiedliche Zielstellungen:

  • Es wurden Werkstätten aufgebaut oder modernisiert, die den Jugendlichen als Selbsthilfewerkstätten dienen, in denen sie handwerkliche Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben konnten und ihre beruflichen Neigungen testen bzw. ihre Chancen auf Ausbildung und Erwerbstätigkeit verbessern konnten.
  • Gemeinnützige Jobvermittlungen wurden gegründet und betrieben und so auch der Kontakt zu Arbeitgebern hergestellt.
  • Für bestimmte Branchen (z. B. IT und Medien) wurden Marktanalysen erstellt und Beschäftigungsperspektiven ermittelt.

Die inhaltlich sehr unterschiedlich angelegten Projekte in diesem Handlungsfeld wurden durch die wissenschaftliche Begleitung unter dem Aspekt des "Lokalen Handelns" evaluiert und nicht nach ihren originären Betätigungsfeldern. Im Mittelpunkt der Evaluation standen die Fragen "Was hat die Bundesinitiative in diesem Handlungsfeld bewirkt?" und "Unter welchen Voraussetzungen lässt sich lokales Handeln besonders wirkungsvoll initiieren?"

Das zentrale Ergebnis der Bundesinitiative in diesem Handlungsfeld ist die Anregung bzw. Aktivierung lokaler Prozesse, in deren Ergebnis Ressourcen und Strukturen entstanden sind, die in vielen Fällen über den Förderzeitraum hinausgehen:

  • Die Bundesinitiative hat in diesem Handlungsfeld die Vorstellungen und Ideen der Jugendlichen oder von Trägern der Jugendarbeit aufgegriffen, die sich mit ihrem lokalen Umfeld auseinandersetzten und die Möglichkeit der Realisierung boten. In zahlreichen Fällen ist mit der Förderung erst die Chance auf Verwirklichung eines längst entwickelten Konzeptes, einer bisher nicht umsetzbaren Idee Jugendlicher, gegeben gewesen. Die Bundesinitiative hat so "brachliegende" Entwicklungspotenziale aktiviert.
  • Häufig hat es nur dieser Anregung bedurft, um ein interessantes Vorhaben umzusetzen. In der Mehrzahl der untersuchten Fälle sind durch die Förderung Ressourcen und Strukturen entstanden, die der Jugendarbeit vor Ort weiterhin und oft ohne zusätzliche Förderung nutzbar sind.
  • Lokales Handeln ist dann besonders erfolgreich, wenn es von verschiedenen lokalen Akteuren mitgetragen wird und das Vorhaben im Schnittpunkt gemeinsamer Interessen liegt.
  • Wie in anderen Handlungsfeldern auch, haben die Projekte des "Lokalen Handelns" Partizipation gestiftet, indem sie den Jugendlichen Gestaltungs- und Erprobungsmöglichkeiten eröffneten. Das Handlungsfeldspezifische besteht darin, dass diese Projekte vor allem der Entwicklung lokaler Strukturen und der Aktivierung lokaler Ressourcen dienten. Gleichzeitig stärkten die Projekte die Identifikation der Jugendlichen mit ihrem Wohnort, ihrer Region, durch die Möglichkeit, sich beteiligen und ihre Umgebung mitgestalten zu können.

Kennzeichnend für die Wirkungen der Bundesinitiative in diesem Handlungsfeld ist, dass viele der geförderten Projekte tatsächlich nur den Impuls einer Anschubfinanzierung benötigten, um eine Idee, ein Vorhaben zu verwirklichen. Nach Aussagen der Projekte ist für den Fortbestand der Angebote häufig nur ein relativ geringer Sachkostenzuschuss notwendig. Erfolgreich waren die Projekte in diesem Handlungsfeld immer dann, wenn sie sich ganz konsequent an den lokalen Bedingungen und Voraussetzungen orientierten. Änderten sich diese, dann konnte aus einer beantragten Kfz-Selbsthilfewerkstatt auch ein Mountain-Biker Treff mit angeschlossener Fahrradwerkstatt werden, weil Personen weg gingen, Unterstützung ausfiel oder die Jugendlichen eine neue Idee überzeugend favorisierten. Wichtig war für den Erfolg nur, dass sich mit dem Projekt die Bedingungen von Jugendarbeit bis zu Ausbildung und Beschäftigung verbessern - und so die Identifikation der Jugendlichen mit ihrem Wohnort, mit ihrer Region gestärkt werden konnte.

2.3 Handlungsfeld "Was wir wollen, bekommen wir auch hin"

  

Im Handlungsfeld "Was wir wollen, bekommen wir auch hin" wurden Projekte gefördert, in denen Jugendliche "ihr Leben selbst in die Hand nehmen und sich für die Gemeinschaft engagieren". Die Jugendlichen sollten in den Projekten selbst identifizierte Aufgaben gemeinsam mit kommunalen Verantwortungsträgern, Lehrern oder anderen Akteuren der Jugendarbeit bewältigen. Die insgesamt 64 Projekte mit Förderzeiträumen zwischen vier und acht Monaten haben inhaltlich sehr unterschiedliche Vorhaben umgesetzt. Das Spektrum reichte von der Gestaltung einer thematischen Filmreihe für die politische Bildungsarbeit über die Planung und die praktische Gestaltung von Außenanlagen einer Schule bis zum Beitreiben eines Schüler-Bistros. Kennzeichnend für die untersuchten Projekte waren immer die Existenz einer Idee bei den Jugendlichen und das Bedürfnis, diese Idee auch praktisch zu verwirklichen.

Die wichtigsten Erkenntnisse und Erfahrungen in diesem Handlungsfeld sind:

  • Es gibt in der jungen Generation eine Vielzahl von Ideen und ein großes Handlungs- und Gestaltungspotenzial. Die Verwirklichung dieser Ideen und damit das Abrufen der Handlungsbereitschaft Jugendlicher scheitern oft nur an Marginalien. Die Erfahrungen der Bundesinitiative zeigen, dass bereits mit relativ geringen Fördermitteln und übersichtlichen Förderzeiträumen Initiativen ergriffen und Vorhaben verwirklicht werden können.
  • Bei aller Notwendigkeit von Förderung der Jugendarbeit benötigen einzelne Vorhaben häufig nur einen jugendpolitischen Rahmen, praktisch einen externen Impuls, um ein Vorhaben umzusetzen. Es gab auch in der Bundesinitiative Hinweise darauf, dass dieser jugendpolitische Rahmen weniger für die Jugendlichen als für die Verantwortungsträger, Lehrer oder anderen Akteure notwendig war, um sie für die Umsetzung einer Idee zu gewinnen.
  • Auch in diesem Handlungsfeld sind durch die Bundesinitiative Strukturen und Ressourcen entstanden, die für die Jugendarbeit über den Förderzeitraum hinaus genutzt werden können und die durch das Eröffnen von Erprobungs- und Gestaltungsspielräumen für Jugendliche deren Engagement und Verantwortungs-bewusstsein gefördert haben.

Kritisch ist in diesem Handlungsfeld anzumerken, dass der Anteil von Projekten und Vorhaben, die in Verantwortung der Schulen durchgeführt werden, deutlich geringer ist als der, der von außerschulischen Trägern realisiert wurde. Schule als Institution, aber auch Lehrer, favorisieren offensichtlich normierte, unterrichtsähnliche Arbeitsformen. Das hat sich auch in anderen Handlungsfeldern - wenn auch unterschiedlich stark -gezeigt.

2.4 Handlungsfeld "Berufsfrühorientierung"

  

Die im Handlungsfeld "Berufsfrühorientierung" geförderten 88 Projekte hatten die Aufgabe, Konzepte zu entwickeln, mit denen Jugendliche möglichst frühzeitig und qualifiziert in ihrer Berufswegeplanung unterstützt werden. Entsprechend richteten sich die meisten Projekte an Schülerinnen und Schüler der 7. bis 9. Klassen. Darunter waren Projekte, die von freien Trägern der Jugendarbeit und durch die Schulen oder im Kontext der Schule initiiert und umgesetzt wurden. Inhaltlich waren die Projekte im Handlungsfeld "Berufsfrühorientierung" vor allem auf drei Schwerpunkte ausgerichtet:

  • Aktivieren und Befähigen der Jugendlichen im Prozess der Berufsorientierung,
  • Organisation und Vermittlung berufsrelevanter Praxiserfahrungen und
  • Schaffung von Strukturen und Netzwerken, die die Jugendlichen in der berufs- und Berufsfrühorientierung unterstützen.

Wichtige Ergebnisse und Erkenntnisse im Handlungsfeld "Berufsfrühorientierung" sind:

  • Es ist im Handlungsfeld gelungen, Ansätze zu entwickeln und zu fördern, die die eigentliche Zielgruppe der Berufsfrühorientierung, Jugendliche der 7. bis 9. Klassen, erreichen. Das ist möglich durch Projekte, die entweder die Zielgruppe direkt in den Prozess der Berufsfrühorientierung einbinden oder durch Angebote, die von tendenziell älteren Jugendlichen für die Zielgruppe entwickelt und umgesetzt wurden und damit ebenfalls den Prozess der Berufsfrühorientierung qualifizieren.
  • Im Rahmen der Bundesinitiative ist es gelungen, die Ressourcen sehr unterschiedlicher Akteure bzw. sehr verschiedene Vorhaben für die Berufsfrühorientierung nutzbar zu machen. Bauvorhaben von Sportvereinen konnten genauso für die Berufsfrühorientierung der Jugendlichen genutzt werden, wie Freizeiteinrichtungen der offenen Jugendarbeit mit ihren speziellen Angeboten oder die spezifischen Arbeitswelt- oder Berufserfahrungen von Eltern.
  • Für die weitere Qualifizierung der Berufsfrühorientierung ist es wichtig, diese als Prozess zu verstehen. In diesem Prozess nehmen die Jugendlichen verschiedene Akteure und Angebote der Berufsfrühorientierung alterspezifisch wahr. Angebote der Berufsfrühorientierung sind vor diesem Hintergrund dann besonders wirkungsvoll, wenn sie die Erwartungen und Kompetenzen der verschiedenen Altersgruppen berücksichtigen. In der Praxis der Berufsfrühorientierung heißt das, mit zunehmendem Alter der Jugendlichen die Akzente vom "Erlebnis" zum "Lernprozess" zu verschieben, vom Ausprobieren einzelner Tätigkeiten zum Erkennen komplexer beruflicher Anforderungen zu kommen.
  • Biographisch als auch strukturell muss die Berufsfrühorientierung im Kontext der Schule angesiedelt sein. Das heißt nicht, dass die Schule auch unbedingt Träger der Angebote zur Berufsfrühorientierung sein muss. Vielmehr geht es um die Verknüpfung der in der Schule verankerten Angebote mit denen von Trägern außerschulischer Angebote. Die Verantwortlichkeiten können unterschiedlich geregelt sein. Die Verknüpfung von schulischen und außerschulischen Angeboten bietet die Möglichkeit, die unterschiedlichen Ressourcen und Kompetenzen von Schule und freien Trägern der Jugendarbeit zu bündeln.
  • Für die Berufsfrühorientierung gilt es, die unterschiedlichen Stärken der Lernorte und ihrer Akteure gemeinsam zu nutzen. Stärken außerschulischer Angebote sind der meist hohe Erlebnis- und Erfahrungswert, vor allem aber der Bezug zur realen Arbeitswelt. Schule dagegen bietet die Möglichkeit der didaktisch anregenden Strukturierung und Verarbeitung des Erlebten. Dies gelingt Schule dann am besten, wenn dafür unterrichtsuntypische Formen, wie Projektwochen oder Ideenwerkstätten genutzt werden.
  • Am wichtigsten ist im Prozess der Berufsfrühorientierung der Kontakt mit der realen Arbeitswelt und konkreten Berufsfeldern. Der erfolgt während der Schulzeit vorrangig über die Praktika. Es ist sinnvoll, die Praktika stärker mit Angeboten zur Ermittlung von beruflichen Interessen und Neigungen der Jugendlichen zu verbinden. Der vom Träger "SAQ" in Zwickau erarbeitete Berufsorientierungskompass ist z. B. eine Möglichkeit, die beruflichen Interessen und Neigungen der Jugendlichen mit den Praktika, bzw. den dort gemachten Erfahrungen zu verknüpfen. Projekte wie die "Praktikumsbörse" haben den Jugendlichen Möglichkeiten geboten, ihren "Aktionsradius" deutlich zu erweitern. Grundsätzlich sind mehr Anstrengungen zu unternehmen, um die Praktika während der Schulzeit stärker Ziel führend in den Prozess der Berufsfrühorientierung einzubinden.

Eine der größten Herausforderungen bei der zukünftigen Gestaltung der Berufsfrühorientierung ist die Einbindung von Betrieben als Erlebnis- und Lernort. Im Rahmen der Bundesinitiative hat sich gezeigt, dass die Einbindung von Betrieben dann möglich ist, wenn die Angebote von Trägern die Interessen der Betriebe mit aufgreifen. Das Projekt des Bödecker-Kreises in Leuna, das 7- bis 9jährige SchülerInnen mit der Arbeit in Chemiebetrieben bekannt gemacht hat, ist auch deshalb realisierbar gewesen, weil die dort agierenden Chemiebetriebe bereits jetzt den zukünftigen Fachkräftemangel spüren und Partner suchen, mit denen sie gemeinsam Angebote entwickeln, die dem Betrieb nutzen und den Jugendlichen in der Region eine Perspektive bieten könnten.

2.5 Ideenwettbewerb "Perspektive"

  

Die 30 geförderten Projekte im Ideenwettbewerb "Perspektive" sollten vor allem zur Bildung sozialraumbezogener Verantwortungsgemeinschaften beitragen, in denen verschiedene Akteure in der Region miteinander vernetzt werden, um die Entwicklung gemeinsamer Handlungskonzepte zur Verbesserung der Perspektive junger Menschen im lokalen Umfeld zu bewirken. Das inhaltliche Spektrum der geförderten Vorhaben reichte

  • von der Organisation und Durchführung einer "Zukunftskonferenz", mit der eine neu konstituierte Gemeinde nahe Berlin die Kernpunkte zukünftiger Jugendarbeit diskutieren und festlegen wollte,
  • über die Entwicklung eines Netzwerkes, das Jugendliche identifiziert, die von ihren Voraussetzungen her geeignet erscheinen, zukünftig als selbständige Unternehmer aktiv zu werden und die auf diesem Weg kontinuierlich unterstützt werden,
  • bis zum Entwurf neuer, innovativer Nutzungs- und Vermarktungskonzeptionen für Jugendeinrichtungen, die trotz verringerter Fördermittel den Bestand der Einrichtung sichern wollten.

Wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen des Ideenwettbewerbes "Perspektive" sind:

  • Der Ideenwettbewerb hat an vielen der 30 Standorte Prozesse in Gang gesetzt, die sonst nicht oder nur bedingt realisierbar gewesen wären. An einzelnen Standorten ist mit der Bundesinitiative sogar ein "externer" und damit neutraler Akteur tätig geworden, der in komplizierten und verhärteten Diskussionen als "Katalysator" fungierte und die Diskussion neu und Ergebnis orientiert wieder belebte.
  • Es sind neue Netzwerke entstanden oder neue Partner für bestehende Netzwerke gewonnen worden, die die Perspektiven der Jugendarbeit in den Kommunen verbessern. Dabei sind in Einzelfällen Kooperations- oder Arbeitsbeziehungen mit Partnern vereinbart worden, die bisher keine Partner der Jugendarbeit waren. Dazu gehören Agenturen des Regionalmarketings, Reiseunternehmen oder Verbände der Wirtschaftsförderung.
  • Der Ideenwettbewerb "Perspektive" ist eines der anspruchsvollsten Handlungsfelder der Bundesinitiative, weil hier teilweise sehr komplizierte Aufgaben, wie z.B. die Konzeptentwicklung für den Fortbestand eines Angebotes ohne Förderung, zu lösen waren. Die Bundesinitiative hat damit auch Vorhaben entstehen lassen, die sich an Jugendliche und junge Erwachsene mit besonders stark entwickelten Fähigkeiten richteten. Die Bundesinitiative hat mit dieser breit gefächerten Anforderungsstruktur auch ein breites Spektrum Jugendlicher und junger Erwachsener erreicht und vor dem Hintergrund der stark entwickelte Projekt- und Maßnahmelandschaft für Jugendliche mit schulischen und sozialen Defiziten einen wichtigen Beitrag zur "wahrgenommenen" Gerechtigkeit geleistet.
  • Auch an den Standorten, an denen die Akteure des Ideenwettbewerbes mit den Ergebnissen der Projektarbeit nicht zufrieden waren, hat die wissenschaftliche Begleitung das Entstehen von neuen Strukturen und Arbeitsformen festgestellt, die die Jugendarbeit voran bringen können.

Der Ideenwettbewerb hat vor allem Institutionen der Jugendarbeit angeregt. Dabei wurde engagiert um neue Konzepte der Jugendarbeit gerungen. Die Partizipation Jugendlicher am Ideenwettbewerb "Perspektive" ist im Vergleich zu den anderen Handlungsfeldern der Bundesinitiative am geringsten ausgeprägt gewesen. In vielen Projekten sind Jugendliche zwar befragt oder angehört worden, die tatsächliche Beteiligung am Ideenwettbewerb war allerdings gering. Dies ist aber vorrangig der Anlage des Ideenwettbewerbes geschuldet und in der Gesamtheit der Bundesinitiative nicht negativ zu beurteilen.

3. Empfehlungen

Die Wirkungen und Ergebnisse der Bundesinitiative "wir … hier und jetzt" sind grundsätzlich positiv einzuschätzen. Die Bundesinitiative hat Entwicklungen angeregt, Vorhaben umgesetzt und so Strukturen und Ressourcen entstehen lassen, die über den Förderzeitraum durch die Bundesinitiative hinaus reichen. Als jugendpolitisches Instrument zur Aktivierung und Partizipation von Jugendlichen und anderen Akteuren der Jugendarbeit hat sich die Bundesinitiative damit als funktionstüchtig erwiesen und kann grundsätzlich mit vergleichbaren Zielstellungen wieder eingesetzt werden. Inhaltliche Konturen und Zuständigkeiten bei der Umsetzung eines so komplexen Vorhabens müssen klar und eindeutig sein.

Jugendarbeit benötigt Förderung, auch finanzielle. Die Erfahrungen mit der Bundesinitiative zeigen allerdings auch, dass auch mit relativ geringen Fördersummen und eher kürzeren Förderzeiträumen Entwicklungen angestoßen und Projekte verwirklicht werden können. Die geförderten Projekte verbinden mit der Beteiligung an der Bundesinitiative auch nur sehr bedingt die Hoffnung auf eine Fortschreibung der Förderung. Wenn diese Erwartung vorhanden ist, dann ist sie fast ausschließlich auf relativ geringe Beiträge zu den Sachkosten gerichtet.

Die Nachhaltigkeit der geförderten Projekte kann wesentlich gestärkt werden, wenn die Projekte auch zukünftig mit Sachkostenzuschüssen rechnen könnten. Hierzu sollten die Regionalpartner der Stiftungen, nach deren Aussagen diese Fördermöglichkeit besteht, den Projekten detaillierte Informationen zukommen lassen.

Die Bundesinitiative hat in allen beteiligten Ländern zur Weiterentwicklung der Projekt- und Trägerlandschaft in der Jugendarbeit angeregt, sie hat Engagement und Partizipation gestiftet. Den Ländern sollten genaue Informationen über die im Rahmen der Bundesinitiative entstandenen Projekte zugearbeitet werden, damit auf Landesebene geprüft werden kann, wie diese Strukturen erhalten oder gestützt werden können.

Insgesamt sind durch die Bundesinitiative "wir … hier und jetzt" neue Inhalte und Strukturen der Jugendarbeit entwickelt worden, die über die Laufzeit der Bundesinitiative weit hinausgehen. Zahlreiche der in den Projekten der Bundesinitiative gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse können die Jugendarbeit - nicht nur in den neuen Ländern und Berlin - weiter qualifizieren und die Partizipation der Jugendlichen fördern. Die Ergebnisse sollten deshalb aufbereitet und im Sinne einer aktivierenden Öffentlichkeitsarbeit Fachpolitik und Fachpraxis in Form einer Publikation zur Verfügung gestellt werden.

>> Hier geht es zum Konzept der Wissenschaftlichen Begleitung (Archiv)

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