Angesteckt ... ?!
17.11.2004: Vielfältige und anregende Ideen der wir ... hier und jetzt - Projekte in Sachsen
(Text, Fotos: Detlev-T. Reichel)
Es ist kaum zu glauben: Was sich am Samstag Nachmittag im Dresdner Rathaus abspielt, will so gar nicht zu der Nachricht passen, dass 70.000 vorwiegend junge Menschen 2004 den Freistaat Sachsen verlassen haben werden. Dieses quirlige Treiben, der jugendliche Eifer und, ja, die Begeisterung beeindrucken die Besucher dieser Messe, auf der sich 48 von 56 sächsischen Projekten der Bundesinitiative wir ... hier und jetzt präsentieren. Ein Marktplatz der Möglichkeiten im Sinne des Wortes, denn die Jugendlichen zeigen hier, was möglich ist, wenn man sie lässt.
|
Thomas Helbig und Katrin Thiele |
Vertrauen haben, Vertrauen zeigen
Symbolischen Charakter für diesen Nachmittag hat die spektakuläre Sportshow-Einlage von Thomas Helbig, ostdeutscher Meister im Bike Trial. Ohne mit den Füßen den Boden zu berühren, springt er mit seinem selbst gebauten Rad auf gestapelte Paletten und Stahlfässer, überwindet also Hindernisse, Herausforderungen ("trials"). Die Regionale Partnerin der Bundesinitiative in Sachsen, Katrin Thiele, legt sich rücklings auf den Boden und lässt Thomas sehenden Auges mit seinem Rad über sich springen. Vertrauen entwickeln in das eigene Können und Vertrauen investieren in das Können junger Menschen - darum geht es hier.
|
Das Schulgespenst der Mittelschule Niesky erzählt... |
Vergangenheit...
Eine CD-ROM, die jedem Geschichtslehrer als Anschauungsmaterial empfohlen sei, produzierten beispielsweise acht junge Historikerinnen der 3. Mittelschule in Görlitz. Weil "eine ständige Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" herrscht, erkundeten die Zeitenspringerinnen die jüdische Geschichte ihrer Heimatstadt. Ein kleines Kochbuch mit "Rezepten für die Puppenküche" gibt es am Stand der Zeitenspringer aus Zöblitz, wo früher einmal kleine funktionierende Puppenherde gefertigt wurden. Original Koch- und Backausrüstungen samt Herden im Puppenhausformat haben die Zöblitzer Junghistoriker zusammengetragen, samt einer kleinen Studie über die Metallspielwarenindustrie in ihrer Heimatstadt.
Die Truppe von Heidi Sauer aus dem Freizeitzentrum "Regenbogen" Bischofswerda wiederum durchkämmte den "Taucherwald" nach Lebensgeschichten aus den Jahrhunderten. Dabei fanden die Zeitenspringer nicht nur einen kleinen Spaten, mit dem sowjetische Soldaten Gräben ausheben mussten, sondern auch Schnapsflaschen und vieles mehr. Aus ihren Recherchen und den Gesprächen mit Zeitzeugen trugen sie schließlich Material für ein ganzes Buch zusammen, das von der Zeit der Germanen und Slawen bis hin zum Abtransport der SS20-Raketen erzählt, die dort stationiert waren.
|
Helma Orosz am Stand der "Perspektive"-Projekte |
Gegenwart...
So bekommt der Begriff "Heimat" ein konkretes Gesicht, mit dem junge Menschen etwas anfangen können. An allen Ständen der Messe spürt man: Es macht ihnen Spaß und sie sind stolz auf ihre Arbeit. "Die Erwachsenen sollten sich die Messepräsentationen der jungen Leute genau anschauen", meint auch die sächsische Sozialministerin Helma Orosz in ihrer Begrüßungsansprache. Die Bundesinitiative wir ... hier und jetzt sei ein guter Ansatz, um bei jungen Menschen ein Gefühl der Verbundenheit mit ihrem Land zu entwickeln. Am meisten habe sie das Motto "Was wir wollen, bekommen wir auch hin" beeindruckt, sagt die Ministerin. "Das spricht für sich und sollte auch von den Erwachsenen beherzigt werden."
|
Zeitenspringer-Team |
... Zukunft
Viele Projekte wollen und werden nach dem Auslaufen der Förderung von wir .. hier und jetzt weiter arbeiten. Ob sie vom Freistaat Sachsen finanziell gefördert werden, wird sich zeigen. Die Staatsministerin jedenfalls zeigt auf ihrem Rundgang viel persönliches Interesse, nimmt sich Zeit, fragt nach und, vor allem, hört zu, was die Jugendlichen aus den Projekten ihr zu sagen haben. Sie hoffe, so Helma Orosz, dass die Initiative keine Eintagsfliege bleibt, dafür wolle sie sich einsetzen.
"... wenn im Dorf nichts los ist, gehen die Leute weg!"
Die Sächsische Staatsregierung müsse jetzt für die Weiterfinanzierung der Projekte sorgen, forderte Peter Hettlich, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen. Nach dem Ende des Modellprojekts wir ... hier und jetzt müssten die einzelnen Bundesländer ohnehin die Finanzierung übernehmen.
|
Peter Hettlich im Gespräch |
Auch die Unternehmen müssten viel mehr sehen und erkennen, welches großartige Potenzial in Jugendlichen steckt, die sich so engagieren wie in den wir ... hier und jetzt-Projekte, meint am Ende ein Kollege am Stand vom Jugendbauhof Lausitz.





